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Anthony Joseph & The Spasm Band: Rubber Orchestras

Anthony Joseph & The Spasm Band: Rubber OrchestrasGleich der erste Track „Griot“ verrät, worum es geht. Anthony Joseph verweist auf eine westafrikanische Tradition, nach der Sänger nicht nur Unterhalter, sondern auch Dichter und Lehrer sind. In dieser Rolle sieht sich auch der aus Trinidad stammende Londoner.
Eingeweihte kennen ihn seit Mitte der Neunziger als Autor von Gedichtbänden. Heute präsentiert sich Joseph zunehmend als Spoken-Word-Künstler mit Rhythmus-Fundament. Seine stetig anwachsende Spasm Band reagiert auf die Ansagen des Vorsprechers mit dem Jam-Gefühl eines Fela Kuti oder Manu Dibango. Afrozentrismus spielt eine große Rolle, man erfährt viel über die Geschichte und Kultur der schwarzen Völker. In „Damballah“ geht es um haitianischen Voodoo-Zauber, in „Generations“ rekapituliert Joseph das Leiden seiner Vorfahren und ihre Hingabe beim Singen von Freiheitsliedern.
Wenn jemand so tief in die schwarze Seele schaut, wären leicht Ausgrenzung oder Black-Power-Muskelspiele zu befürchten. Aber keine Sorge, nicht umsonst lautet die erste Zeile des Albums: „The griot is the sound of universal culture.“
Man stößt auf ein wahres Sammelsurium an Einflüssen. Funk, New-Orleans-Jazz, Calypso, Soca, Afrobeat tauchen immer wieder auf und vermischen sich. Das Saxofon in „Started Off As A Dancer“ hat nichts mit Jazz im klassischen Sinne zu tun, sondern mit dem für No-Wave-Protagonist James Chance typischen Rumoren. Beeindruckende Ausmaße nimmt das Ganze an, wenn sich Joseph so lange in einen Gedanken hineinsteigert, bis er nicht mehr zu bremsen ist. So wie in „Cobra“, wo eine Flöte wie bei der Schlangenbeschwörung ertönt und der Sprechsänger wie früher der Typ von Soul Coughing heißläuft. Die ungezähmte Art und urwüchsige Kraft, die Mischung aus Groove und Kopffutter und der Wille, eine Kultur von ihrer besten Seite zu repräsentieren, machen diese 75 Minuten zu einem Ausnahmeereignis.

Text: Thomas Weiland

tip-Bewertung: Herausragend

Anthony Joseph & The Spasm Band, Rubber Orchestras (Naive/Indigo)

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