Konzerte & Party

Antony & The Johnsons: „The Crying Light“

antonyDen Schmerz und das Glück der Existenz darzustellen, ist seit jeher die vornehmste Aufgabe des Künstlers. Wer jemals eine Butoh-Performance gesehen hat, jene radikale Form des modernen Ausdruckstanzes, die vor einem halben Jahrhundert in Japan entstand, kam diesem Erlebnis vielleicht nahe. Auch Antony Hegarty vermag es, diese archaische Emotion mit seiner Musik zu entfachen.
Sind es beim Butoh die bleiern langsamen, expressiven Verrenkungen des Körpers, entstellt, gespenstisch und doch anmutig und zeitlos schön, sind Antonys Gesang, sein Klavierspiel und die Arrangements seiner Begleitband The Johnsons ihre klangliche Entsprechung. Verstörend, heilsam und von ungeheurer Dringlichkeit eröffnet sich seit Antonys erstem Album von vor zehn Jahren sein Њuvre, es wächst von Song zu Song und führt in einen von Geschlecht, Sexualität, Raum und Zeit entbundenen Zustand der verwirrenden, tief empfundenen Dramatik des Lebens. So ist die Wahl des Coverfotos für „The Crying Light“ (Rough Trade), das dritte Album von Antony and the Johnsons, nur konsequent – es zeigt die 1906 geborene Butoh-Legende Kazuo Ohno.

In den zehn vorwiegend auf Piano und Antonys glockenhellem Gesang basierenden Hymnen huldigt der 1971 geborene Sänger herzzerreißend der schöpferischen Macht der Natur, er besingt den Wind, die Bäume und Landschaften und blickt voller Argwohn und Hoffnung in die Zukunft. Es ist die zum Moment erstarrte Manifestation einer getriebenen, aber nicht unglück­lichen Seele. Denn manchmal entflieht Antony seinem selbst auferlegten Dogma der Ergriffenheit und des immerwährenden Kummers, und fast euphorisch stürzt er sich in die abgründigen, gedankenverlorenen Wellen seiner Lieder. Dann lässt er sich von der Gnade Gottes und den Orgeln, Gitarren, Bläsern und Streichern der Johnsons tragen und gelangt erleuchtet an die Oberfläche allen Seins.

Text: Jacek Slaski

tip-Bewertung: Herausragend

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