Konzerte & Party

Antony & The Johnsons: Cut The World

Antony & The Johnsons Es gibt Leute, die betrachten dieses Album bloß als Zwischenstopp. Sie verweisen darauf, dass „Cut The World“ bis auf den Titelsong ausschließlich Live-Aufnahmen enthält. Wie wohl Antony Hegarty reagieren würde, wenn er davon hört? Wahrscheinlich würde ihm diese grobe Vereinfachung die Zornesröte ins Gesicht treiben. Die beiden Auftritte im Konzerthaus Kopenhagen aus dem Vorjahr bedeuten ihm offenkundig viel mehr. Bei der Songauswahl ist er nicht nach banalen Greatest-Hits-Kriterien vorgegangen. Nur „You Are My Sister“ stammt aus dem Album „I Am A Bird Now“, das weithin als Eckpfeiler in seinem Katalog angesehen wird. Wichtiger ist ihm der Inhalt, genauer die Nachzeichnung seines Weges der Selbstfindung. Für den im britischen Chichester geborenen Sänger beginnt dieser Weg mit „I Fell In Love With A Dead Boy“ aus dem Jahr 2001. Die Zeile „Are you a boy or are you girl?“ trägt der bekennende Transsexuelle mit Inbrunst vor, mehr noch als in der Studioaufnahme.
Hegartys Stimme ist für die Orchesterarrangements von Nico Muhly und anderen Komponisten wie geschaffen. Erst durch sie klingt durch, dass hier ein Mensch mit Mission auf der Bühne steht. Wer es nicht glauben will, wird in „Future Feminism“ eines Besseren belehrt. Das ist kein Song, es ist ein Manifest. Hegarty wünscht sich eine Verweiblichung vieler Bereiche des Daseins, vor allem der Politik und der Religion. Er ist um den Zustand der Umwelt besorgt und befürchtet ihren Zusammenbruch. Eine Rettung könne es nur geben, wenn wir uns auf feminine Systeme des Regierens zubewegen. Und was spreche eigentlich dagegen, dass Jesus ein Mädchen, Allah eine Frau und Buddha eine Mutter ist? Dass man nicht alles ernst nehmen muss, was Künstler so sagen, zeigt sich am Schluss seiner Rede. Sarah Palin, ausgerechnet Sarah Palin als „aufregende Vorläuferin“ eines matriarchalischen Systems? Sprechen Sie nicht, Herr Hegarty, singen Sie lieber!

Text: Thomas Weiland

tip-Bewertung: Hörenswert

Antony & The Johnsons, Cut The World (Rough Trade Records/Indigo) 

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