Konzerte & Party

Antony & The Johnsons im Admiralspalast

Antony & The JohnsonsWenn Antony Hegarty in den Spiegel blickt, erinnert er sich womöglich an die Zeiten, als er noch backstage in New Yorks Pyramid Club hockte und den Schminkpinsel in die Farbe tunkte. Damals kannte man den Mann mit der weichen Stimme noch als Drag-Performer unter dem Bühnennamen Fiona Blue; es kam schon mal vor, dass sich die gesamte Truppe in Madenkostüme hüllte und mit Fetzen frischer Leber um sich warf. Mitte der 90er war das – und somit lange her. Heute spielt Antony nicht mehr in burlesken Off-Theatern, sondern in ehrwürdigen Häusern wie der Carnegie Hall. Dort sitzt er bei Dämmerlicht am Flügel und singt Balladen, die er teils schon damals anstimmte. So gesehen hat sich Antony nicht sehr verändert. Im Gegenteil; wenn der gebürtige Brite heute über sein allseits gepriesenes neues Album „The Crying Light“ spricht, setzt er sich viel offener für Fragen nach sexueller Identität ein als noch vor fünf Jahren.
Damals war Antony mit seinem zweiten Album „I Am A Bird Now“ völlig überraschend zum Medien-Darling avanciert. Zu Themen wie der Drag-Szene aber gab er sich verschlossen; fast wirkte es, als könne der Shootingstar die allgemeine Euphorie selber nicht glauben: Für einen wie ihn – eine geschlechtlich uneindeutige, somnambule Erscheinung mit depressiven Texten über Verfall und Au­ßenseitertum und einer vor Emotion bebenden Stimme. Was das angeht, ist Antony wohl der unwahrscheinlichste Popstar seit Boy George. So ist es schon ein kleines Wunder, wenn der 37-Jährige dieser Tage innig tremolierend Transgender-Hymnen anstimmt wie „For Today I’m A Boy“ – und ihm Zigtausende ergriffen dabei lauschen – selbst dann noch, wenn Antony sich wieder in sein altes Madenkostüm zwängen würde.

Text: Ulrike Rechel

Foto: Leah Nash

Lesen Sie hier: Die CD-Kritik zum Antony & The Johnsons-Album „The Crying Light“

Antony & The Johnsons, Admiralspalast, Fr 24.4., 20 Uhr (ausverkauft)

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