Konzerte & Party

Arcade Fire im Tempodrom

Arcade Fire

Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Arcade Fire werden Anfang August im New Yorker Madison Square Garden auf die Bühne zurückkehren und alle können weltweit zuschauen. Die Show wird live als Webcast auf YouTube zu sehen sein. Arcade Fire wären aber nicht Arcade Fire, wenn sie sich für diese Veranstaltung auch nicht etwas Besonderes ausgedacht hätten. Als Regisseur für die Übertragung konnte man Terry Gilliam gewinnen. Den Terry Gilliam, der so etwas sonst nie macht und schon ganz anderen Künstlern nach ähnlichen Anfragen Körbe gegeben hat.
Die Comedy-Legende („Brazil“, „Monty Python“) ist nicht der einzige prominente Fan. Gleich zu Beginn, kurz nach Erscheinen des Debüts „Funeral“ vor sechs Jahren, ­outeten sich Bono, Bruce Springsteen und David Bowie als Anhänger. Das schmeichelte den Kanadiern. Arcade Fire wollen keine Indie-Darlings sein, die man im stillen Kämmerlein für sich haben kann. Es sind Leute, die opulente Aufführungen im Sinn haben und große Gefühle erzeugen wollen. Arcade Fire gehen auch gerne in die Offensive, wenn es darum geht, für eine gute Sache zu kämpfen. Während der Wahlkampagne von Barack Obama haben sie für den heutigen US-Präsidenten Gratiskonzerte gegeben. Sie haben die Nutzung ihres Songs „Wake Up“ für den diesjährigen Super Bowl im American Football erlaubt, weil die fällige Gebühr der ­Haiti-Hilfe zugutekam.
Arcade FireEs gibt da aber auch diese andere, kapriziöse Seite der Band. Sie ist dafür verantwortlich, dass man das Album in acht verschiedenen Varianten mit unterschiedlichen Cover-Motiven ausliefert. Arcade Fire weigern sich, sinnlos Stücke für Compilation-Alben freizugeben oder zu produzieren. Auch charmant ist, dass sie dem jüngst verstorbenen Indie-Helden Jay Reatard auf Konzerten die Version seines Songs „Oh, It’s Such A Shame“ widmen werden. „Die wirkliche Herausforderung besteht darin, in dieser ganzen Drecksblase sein eigenes Leben zu finden“, hat Sänger und Chefdenker Win Butler mal gegenüber dem amerikanischen „Spin“-Magazin erklärt. Wie man im Angesicht von Ruhm und Anerkennung Haltung bewahrt? Am besten natürlich mit der Aufnahme herausragender Musik.  
Mit dem dritten Album „The Suburbs“ setzen Arcade Fire Maßstäbe. Wieder einmal. Erneut werden die Songs durch eine konzeptionelle Klammer zusammengehalten. Auf dem Debüt  „Funeral“ ging es um den Tod von Verwandten, das Ausleben von Schmerz und die Suche nach Zuversicht und Heilung. Der Nachfolger „Neon Bible“ war von politischen Untertönen und dem Wunsch geprägt, sich einen Reim auf die große weite Welt zu machen. „The Suburbs“ ist wieder persönlicher geworden. Butler und Gattin/Mitgründerin Rйgine Chassagne hatten sich vor der Produktion eine Auszeit genommen und sind nach Texas geflogen, um den Vorstadtgürtel von Houston zu erkunden, in dem Butler aufgewachsen war. Aus ihren Beobachtungen entwickelte sich der Erzählstoff über die schweigende Mehrheit in Einfamilienhäusern, über große Hoffnungen und die Ernüchterung nach dem Platzen der Immobilienblase. Arcade Fire gehen in diesem Thema auf, das merkt man auch an der Musik. Die an Springsteen erinnernde Grandeur ist nicht mehr der beherrschende Einfluss. Man entdeckt elektronische Elemente, eine härtere Gangart nach Art von Queens Of The Stone Age oder einen Gruß an Abba. Arcade Fire trauen sich etwas. Die Souveränität ihres Auftretens zeigt, dass diese Band den Moloch der Nullerjahre, dem sie entsprungen ist, hinter sich gelassen hat und auf Dauer ein wichtiger Teil der Musikgeschichte werden kann.

Text: Thomas Weiland

Fotos: Eric Kayne

Arcade Fire, Tempodrom, Di. 31.8., 20 Uhr, ausverkauft

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