Stadionrock

Arcade Fire in der Kindl-Bühne Wuhlheide

Arcade Fire sind angesagt und erfolgreich – dabei jedoch unbequem und ­starrsinnig. Mit Panflöten und ABBA-Melodien auf der einen und Anti-Suizid-Hymnen auf der anderen Seite entwickeln sich die Kanadier zur ­ungewöhnlichsten Stadionband der Gegenwart

Foto: Guy Aroch

Als Arcade Fire vor 13 Jahren mit dem ersten Album der Durchbruch gelang, waren sie noch blutjung. Die Musiker spielten laute Gitarren, sangen im Chor und hauten kräftig auf gleich mehrere Schlagzeuge. Heiliger Lärm, nicht ungewöhnlich für eine Gruppe in ihrer frühen Sturm-und-Drang-Phase. Bemerkenswert war, dass Sängerin und Sänger schon damals verheiratet waren: Régine Chassagne, eine Frau mit hoher Stimme, schwarzen Locken und Wurzeln auf Haiti, und Win Butler, ein blonder Hüne mit der Stimme eines Wanderpredigers, gaben sich bereits mit Anfang 20 das Ja-Wort. Auch Interviews gaben die beiden gemeinsam, wenn auch eher widerwillig. Wenn die zwei gemeinsam auf der Couch saßen, hatte man den Eindruck, dass sie sich gegenseitig beschützten vor der dunklen und unübersichtlichen Welt da draußen.

Die besten Lieder ihres Durchbruchalbums „Funeral“ klangen dann auch wie eine Mischung aus Gebet und Fluchtplan, Angstzustand und Euphorie. David Bowie war ein früher Fan der Band, er liebte vor allem, dass Arcade Fire keinen Hehl daraus machten, ihr Publikum überwältigen zu wollen. Diese Musik rieselte, plätscherte oder strömte nicht, sie fegte wie ein Tornado über die Hörer hinweg. Ein Song handelte von der Idee, dass zwei Liebende, die nicht zueinanderfinden dürfen, ein Tunnelsystem entwickeln, um ihre Liebe zumindest unter der Erde zu leben. Das morbide Drama von „Romeo und Julia“ im Indierock-Format – die Fans hörten die Musik mit Begeisterung, dachten sich aber auch: Wenn das mal gut geht…
13 Jahre später kann man zu Arcade Fire richtig schön Disco-Fox tanzen. Die Melodie des Titelsongs ihres neuen, mittlerweile fünften Albums „Everything Now“ erinnert an ABBA, zu hören ist außerdem ein Panflötenteil, der nach billigem Keyboard-Effekt klingt. Die Fans der ersten Stunde fragen sich nun: Meinen die das ernst? Darf man das noch mögen? Der Band selbst sind solche Fragen vollkommen Schnuppe. Arcade Fire zählen heute zu den Gruppen mit einer besonderen Stellung. Sie sind ungemein erfolgreich, verkaufen weltweit, spielen bei den Festivals als Headliner. Ganz so groß wie U2, Coldplay oder Depeche Mode sind sie aber noch nicht, dafür fehlen die Radiohits. Der Gruppe gefällt diese Stellung, weil sie sich Eigenwilligkeiten und Schrulligkeiten erlauben darf, die sich andere kaum trauen würde. Zum Beispiel eben, den Panflöteneffekt des Keyboards zu benutzen oder Harmonien bei ABBA zu klauen. Selbstverständlich machen Arcade Fire das nicht aus Faulheit. Win Butler und Régine Chassagne, noch immer ein Ehepaar, verstehen sich weiterhin als sehr ernsthafte und grüblerische Musiker. So ungestüm Arcade Fire auf der Bühne manchmal auch wirken: Im Studio und mit Blick auf das Konzept geschieht hier nichts aus Zufall.
Ein Stück vom neuen Album „Everything Now“ trägt den Titel „Creature Comfort“ und versteht sich als Anti-Selbstmord-Hymne. Das ist interessant, denn die häufig euphorische Musik der Band besitzt seit jeher den Ruf, zweifelnden Menschen Halt zu schenken. Dass ihr Debütalbum „Funeral“ Leben gerettet hat, wissen die Musiker aus Briefen und Erzählungen ihrer Fans; über eine dieser Geschichten singt Win Butler im Text von „Creature Comfort“: Ein Mädchen habe häufig über den Tod nachgedacht, die Badewanne war bereits gefüllt, dann hörte sie das erste Album der Band – und besann sich.

Dass Arcade Fire sehr persönlich werden, hat einen guten Grund: Die Musik der Band hat sich in den vergangenen Jahren verändert, ihr Blick auf die Welt jedoch nicht. Weiterhin beobachten die Kanadier sehr genau das Leben der jungen Generation, die sich unter dem Druck der Konsumgesellschaft verstärkt aus der Gesellschaft zurückzieht und eine neue Form von Apathie entwickelt. In „Creature Comfort“ bleiben den Mädels und Jungs vor den Spiegeln nur zwei Optionen: Berühmt werden – oder sterben, möglichst ohne Schmerzen. Durchschnittlich zu sein, gilt in dieser Kultur nicht als lebenswert.

Dass eine überaus angesagte Band wie Arcade Fire genau diese Durchschnittlichkeit feiert, ist bemerkenswert: Schließlich geht es dem Rock’n’Roll seit jeher darum, sich von der Grauzone der Mitte abzugrenzen. Aber genau auf diese elitäre Ebene der Rockmusik haben Arcade Fire keinen Bock. Ihr vielleicht bestes Album hieß „The Sub­urbs“ und ging genau dorthin: In die Vorstädte, wo die Musiker selbst aufwuchsen und wo auch heute die Kids unsicheren Schrittes erwachsen werden, die in einigen Jahren vor der Aufgabe stehen, dieser Welt den Arsch zu retten. Das sind unbequeme Themen, und auch die Musik verströmt größtenteils Unbehagen: „Creature Comfort“ klingt wie ein nervöses Kribbeln unter der Haut, dessen Ursache man nicht kennt. Während Stadionriesen wie Coldplay ihre Hörer am liebsten in eine Daunendecke einwickeln würden, legen Arcade Fire sehr präzise die kleinen Wunden frei. Umso mehr gönnt man den Kanadiern den Erfolg: Die Welt benötigt solche unbequemen Analysten wie Régine Chassagne und Win Butler. Wenn sie gemeinsam in der heißesten Rockband des Sommers spielen: umso besser.

Kindl-Bühne Wuhlheide An der Wuhlheide, Oberschöneweide, So 2.7., 19.30 Uhr, VVK 50 €

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