Konzerte & Party

Ariel Pink im Postbahnhof

Ariel Pink

Über Erscheinungen aus den Achtzigern hat man in letzter Zeit viel gelesen und gehört. Das gilt aber nicht für die Kassetten-Kultur. Sie war nach der Punk-Eruption ein wichtiger Bestandteil der DIY-Musikszene im Untergrund. Künstler, die keine Lust auf Ruhm und Plattenvertrag hatten, veröffentlichten ihre Songs trotzig auf den kleinen Bändern und wussten, dass Macher von Fanzines dazu etwas publizierten. Es entwickelte sich eine kleine, feine Liebhaberecke, die im Laufe der Zeit leider dem manischen Fortschrittsdenken in der Tonträgerindustrie zum Opfer fiel. Alles völlig antiquiert also? Nicht, wenn es nach Ariel Marcus Rosenberg geht, der sich als Künstler Ariel Pink nennt. Der Sänger, Multiinstrumentalist und Produzent aus Los Angeles hat seine Songs zuerst unter bescheidenen Lo-Fi-Bedingungen zu Hause auf Kassetten und CD-Rs aufgenommen und einige davon veröffentlicht. Aber nicht alle. Schätzungen zufolge liegen bei ihm bis heute Hunderte von Tracks in seinen Schubfächern, die nie jemand außer ihm selbst gehört hat.
2003 kam der Stein ins Rollen. Pink traf die Band Animal Collective bei einem Konzert und überließ einem der Mitglieder ohne Hintergedanken eine CD-R. Die Kollegen hörten sich das Material nicht nur pflichtgemäß an. Sie waren davon auch so sehr begeistert, dass sie Pink zum ersten Musiker auf ihrem Label machten, der nicht zur Band gehört. Fünf Jahre nach der ursprünglichen Aufnahme erschien das Album „The Doldrums“ im Jahr 2004 auf Paw Tracks. Nichts darauf mutete professionell an. Der Gesang leierte, der Rhythmus torkelte, das Level der Aussteuerung schwankte, die Synthesizer klangen schäbig. Aber man spürte, dass hier jemand mit Chuzpe sein Ding durchzog und demonstrierte, dass er mehr von Pop versteht als viele andere. Animal Collective blieben deshalb nicht die einzigen Insider, die den bizarren Barden unterstützen wollten. Ende 2009 unterschrieb Pink einen Vertrag beim englischen Label 4AD, der die branchenüblichen Vorteile mit sich brachte. Endlich konnte sich der überzeugte Dilettant mit seiner Band Haunted Graffiti mal in richtigen Studios einquartieren. „Before Today“, das erste Album in dieser Konstellation, machte einen organisierten und klanglich verbesserten Eindruck. Trotzdem war viel von dem, was man an Pink immer mochte, noch vorhanden. Leicht ins Ohr gleitender Yacht-Pop wechselte sich mit anarchistisch intoniertem Noise-Rock ab. Die Songs trugen immer noch seltsame Namen wie „Butt-House Blondes“, „Schnitzel Boogie“ oder „Symphony Of The Nymph“. Anzeichen für einen Ausverkauf gab es nicht. Alles in bester Ordnung also.
Dasselbe lässt sich auch von Pinks aktuellem Album „pom pom“ behaupten. Man darf es mit Fug und Recht als Magnum opus dieses Musikers bezeichnen. Dieses Mal nimmt er sich bei der Suche nach Inspiration endgültig alle Freiheiten. Pink greift zu, wo er nur kann, zum Beispiel bei David Bowie, Frank Zappa, George Clinton, Reggae, Punk, Industrial-Rock und dem Material aus Disney-Soundtracks. Angesichts solch einer üppigen Auswahl ist es kein Wunder, dass die Zahl der Kollegen, die sich mit Pink einlassen wollen, weiter zunimmt.
R. Stevie Moore, der Großvater des Lo-Fi- und Kassetten-Kults, hat mit ihm das Album „Ku Klux Glam“ aufgenommen (Pink entstammt einer jüdischen Familie und ist ein offener Mensch, man darf den Titel folglich unter Humor und nicht unter Rassismus verbuchen). Kurz vor seinem Krebstod im Januar dieses Jahres schrieb ihm Ur-Unikum Kim Fowley noch schnell fünf Songs auf dem Krankenbett. Einer davon war „Nude Beach A Go-Go“, der dann Rapperin Azealia Banks so gut gefiel, dass sie ihre Version auf ihr Album „Broke With Expensive Taste“ nahm. Außerdem ist die Nachricht über eine Anfrage von Madonna nicht aus der Gerüchteküche zu kriegen. Sie wollte Pink angeblich als Songschreiber für ihr neues Album „Rebel Heart“ einspannen. Er habe aber empört abgelehnt. Wenn diese Geschichte auch nicht der Wahrheit entspräche, wie Madonna kürzlich gegenüber dem britischen „Mojo-Magazine“ verlauten ließ, steckt doch eine schöne Botschaft hinter der Anekdote: Mit fetten Dollars und großen Namen lässt sich ein echter Schmuddelkönig bestimmt nicht locken.

Text: Thomas Weiland

Foto: Sasha Eisenman

Ariel Pink, Postbahnhof, Straße der Pariser ?Kommune 8, Berlin-Friedrichshain, ?Mi 11.3., 20 Uhr, ?VVK: 20 Euro zzgl. Gebühr

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