Konzerte & Party

„Arises“ in der Galerie Exile in Berlin-Kreuzberg

ArisesErst wenn man länger hinschaut, merkt man, dass es sich bei der Projektion an der Garagenwand nicht um ein Standbild handelt, sondern um einen Videofilm: Die dunkle Gestalt in der schwarzblauen Trümmerlandschaft bewegt sich kaum, aber sie bewegt sich. Links neben der Projektion hängt ein Poster an einer Schwarzlichtröhre, die mit zwei V-förmig gespannten Fäden an der Decke befes­tigt wurde. Die Frau auf dem Poster ist nur noch zu erahnen: Die Künstlerin hat das Bild in gleichmäßige Streifen geschnitten und anschließend neu zusammengewebt. „An Uranias Ar­beit gefällt mir besonders gut, dass sie sich nach oben öffnet“, sagt Katrin Vellrath beim Rundgang durch die Räume der Galerie Exile. Urania Fasoulidous Installation „Curtain“ und Pia Greschners Video „Beautiful Like Lightning“ sind zwei von 17 Arbeiten, die es ohne die düster-melancholischen Popsongs nicht geben würde, die Vellrath unter dem Namen Arises auf­genom­men hat. Insgesamt 15 Künst­lerinnen aus verschiedenen Disziplinen, darunter die Malerin Antje Majewski, die Fotografin Heji Shin und die Videokünstlerin Rebecca Ray, wurden von ihr gebeten, sich von den sechs Stücken des bisher unveröffentlichten Mini-Albums „Rave is Over“ inspirieren zu lassen. Was dabei herauskam, ist noch bis zum 23. Januar in der Kreuzberger Galerie zu sehen. Hier nimmt Vellraths Musik neue Formen an: Manche Arbeiten gleichen visuellen Übersetzungen bestimmter Songs oder Textzeilen, andere saugen die feierliche, fast sakrale Grundstimmung auf, die sich durch die sechs Stücke zieht. Die Gegenüberstellung der einzelnen Positionen erinnert auf anregende Weise daran, dass die Bedeutung von Musik immer erst im Moment des Hörens entsteht.
Vor ein paar Jahren war Katrin Vellrath noch Teil des semilegendären Mitte-Duos Milch, das mit dem Album „Socialpark“ eine überdrehte Mischung aus Synthiepop, Kirmestechno und Klangcollage hervorbrachte und dabei mit spielerischer Leichtigkeit das Lebensgefühl der Bohemiens und Langzeitstudenten einfing, die sich um die Jahrtausendwende in feuchten Kellern von sanierungsbedürftigen Häusern trafen, um scheppernde Musik zu hören und schlecht gekühltes Bier zu trinken. Doch der Erfolg blieb Milch verwehrt, es gab Streit mit der Plattenfirma, und das Album erschien mit unglück­licher Verspätung auf dem kleinen Elektronik-Label Saasfee. Nach dem Ende von Milch komponierte Vellrath Soundtracks für Filme und Theaterstücke, die unter anderem an der Volksbühne, am Staatstheater Kassel und am Essener Schauspiel aufgeführt wurden. Daneben arbeitete sie geduldig an ihren eigenen Songs: In ihrem Ministudio am Alexanderplatz schichtete sie Gesangs- und Gitarrenspuren aufeinander und schuf dabei at­mosphärisch dichte Mini-Epen, die sich stilistisch am Endzeit-Pop der 80er-Jahre orientieren und zugleich von der Arbeit fürs Theater geprägt sind. Die Musik von Arises kommt ohne expressive Gesten aus und gibt sich stattdessen kühl und zeremoniell. Diese Eigenschaften spiegeln sich in den Arbeiten, die derzeit in Kreuzberg gezeigt werden. Zum Abschluss der Aus­stellung wird Vellrath eines ihrer seltenen Konzerte geben und sich dabei von zwei Schlagzeugern begleiten lassen. In dem Raum, in dem sie auftreten wird, ist auch ein auf Video übertragener Super-8-Film von Rebecca Ray zu sehen. In diesem Film malt eine Frau einen Spruch an die Wand einer maroden Industrieanlage, der sich als Slogan der Ausstellung bestens eignen würde: „Save Subjectivity.

Text: Heiko Zwirner

Arises, Exile, Alexandrinenstr. 4, Kreuzberg, Sa, 23.1., 21 Uhr, Eintritt frei

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