Festival

Der Klang des Gewölbes: Das Atonal Festival 2018

Von düster hallendem Techno über sakral-staubigen Ambient bis zu handfestem Frequenzlärm:
Das Berlin Atonal bietet mit Künstlerinnen wie der Hamburger Produzentin und DJ Helena Hauff,
der kolumbianischen Klangkünstlerin Lucrecia Dalt oder dem britischen House-Außenseiter Actress die spannendsten Acts der elektronischen Avantgarde

Helena Hauff by Studio Fabian Hammerl

Sommerzeit ist Festivalzeit. Was in der Regel gleichbedeutend ist mit Freiluftkonzerten, wahlweise unter sengender Sonne oder bei matschbeförderndem Regen. So oder so ist – meistens – eine großartige Zeit für alle garantiert. Doch nicht alle wollen ihre Musik unter offenem Himmel genießen. Manche Genres bieten sich dafür nicht einmal besonders gut an.

Auftritt Atonal. Seit 2013 gibt es diese Berliner Institution wieder im Festival-Kalender, und zwar stets in der zweiten Augusthälfte. In den 80er-Jahren war das Atonal eine der ersten Westberliner Adressen für alle, die auf Postpunk, ­Industrial und sonstwelche Trümmerkaputtheiten standen – die Einstürzenden Neubauten, Psychic TV und Laibach gaben sich die Klinke in die Hand. Seit der deutschen Einheit war mehr als zwei Jahrzehnte Feierabend gewesen. Unter anderem, weil der Gründer Dimitri Hegemann in den 90er-Jahren den Techno-Club Tresor eröffnet hatte und anderweitig ausgelastet war.

Seit 2007 residiert der Tresor im Keller des ehemaligen Kraftwerks in der Köpenicker Straße. Und da in der Halle darüber viel Platz ist, entschied sich Hegemann nach einiger Zeit, dort eine Neuauflage von Atonal zu wagen. Der Raum, der gefühlt locker das Berghain beherbergen könnte und ansonsten mehrheitlich für Corporate Events genutzt wird, füllt sich seitdem im Hochsommer regelmäßig mit schwarzgewandeten Menschen, oft zugleich mit stellenweise schwarzbemalter Haut, die dort auf der plateauartigen Plattform der Hauptbühne wahlweise stehen, hocken oder liegen, um düsteren Frequenzen zu lauschen. Seltener, um zu tanzen.

Veteranen der Krachkunst werden beim wiederbelebten Atonal zwar auch gelegentlich zu Gastauftritten geladen: Cabaret Voltaire oder Clock DVA waren dort in der jüngeren Vergangenheit als Botschafter der Achtziger zu begrüßen. Die meisten Künstler sind jedoch weit jünger und spielen eine etwas andere Musik. Und die knüpft stärker an Hegemanns Tresor-Phase an als an die alten Atonal-Tage. Oft gibt es zudem deutliche Überschneidungen mit dem CTM-Festival.
Technoproduzenten bilden einen festen Bestandteil des Programms. Mit Live-Auftritten ebenso wie mit DJ-Sets. Wobei sinnigerweise auch die angeschlossenen Räumlichkeiten genutzt werden, darunter neben dem gemütlichen OHM Club sogar der Tresor selbst. Am Freitag etwa beehrt den Tresor hoher Besuch aus Hamburg: Die Produzentin und DJ Helena Hauff, die sich mit ihrem aktuellen Album „Qualm“ als traditionsbewusste Clubmusikerin der Stunde empfiehlt, wird dort eines ihrer gefeierten DJ-Sets abliefern. Worauf man sich freuen kann – Hauffs Vorliebe für Acid und Electro sorgt für ein gerütteltes Maß an guten alten futuristischen Synthesizerklängen mit schroffen Melodien, die bis heute nichts von ihrer Sexyness verloren haben.

Überhaupt hat sich beim Atonal in einer Hinsicht etwas im guten Sinn verschoben: Die Anzahl der Frauen auf der Bühne ist größer geworden. Neben Hauff gibt es mit der in Amsterdam lebenden Lena Willikens einen weiteren weiblichen Star-Techno-DJ im Programm. Zwar ist der Anteil männlicher Kollegen – wie bei den meisten anderen Festivals –nach wie vor deutlich höher, doch zumindest ein bisschen was bewegt sich auch beim Atonal.

Bei den Live-Künstlern kann man sogar noch mehr Frauen im Programm finden. So bekommt am Eröffnungsabend die Kolumbianerin und Wahlberlinerin Lucrecia Dalt die große Bühne des Kraftwerks für sich, um mit „Synclines“ eine neue Live-Version ihres jüngsten Albums „Anticlines“ zu präsentieren – vorgestellt hatte sie ihre abstrakte Poesie zu spartanischen Synthesizer-Loops im Frühjahr beim CTM im deutlich intimeren Rahmen des HAU1.

Eine weitere Elektronikerin, auf die ausdrücklich hingewiesen sei, ist die gleichfalls in Berlin lebende Italienerin Caterina Barbieri. Ihre Klänge, für die sie gern auf kabelintensive Modularsynthesizer zurückgreift, zeigen ein sehr feines Verständnis für die Komplexität von Obertönen und dafür, wie man sie gezielt gestalten kann. Streng gebaute Loops nutzt sie für psychophysische Versuche am lebenden Objekt – dem Publikum. Ein Risiko, dem man sich durchaus aussetzen kann.

Unter den männlichen Kollegen darf man auf die Darbietung des britischen Ex-Fußballers Darren Cunningham alias Actress gespannt sein. Der hat mit House angefangen, gibt inzwischen aber dem Scheppern und anderen kaputten Klängen den Vorzug, lässt den Club dabei meistens weit hinter sich und liefert ein gutes Beispiel für die Fortsetzung des alten Atonal-Geistes mit heutigen Mitteln. Ähnlich die Japanerinnen Tommi Tokyo und Sayaka Botanic von Group A, die schon öfter bei diesem und ähnlichen Festivals zu sehen waren. Ihre Performances knüpfen, begleitet von liebevoll gestalteten Bühnenshows, noch direkter an den 80er-Jahre-Nihilismus an, der stilprägend für das Atonal war.

Was mit alten Techno-Recken über die Jahrzehnte passieren kann, demonstriert das Transcendence Orchestra. Der Brite Anthony Child, seit den späten 90er-Jahren als Surgeon bekannt, kombiniert in seinem neuen Projekt mit seinem Landsmann Daniel Bean elektronische und akustische Instrumente zu meditativen klangsatten Drone-Figuren, die bei passendem Bewusstseinszustand die eine oder andere Erleuchtung bescheren können. Muss ja nicht alles finster sein.

Kraftwerk Berlin Köpenicker Str. 70, Mitte, Mi 22. – So 26.8., Tagestickets 35–40 €, www.berlin-atonal.com

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