Konzerte & Party

Auch die Villa schließt ihre Tore

Die Villa

Auf den ersten Blick wirkt das ehemalige Brauereigelände auf der Landsberger Allee wie verlassen. Aber der Schein trügt, denn hinter der vom Weltkrieg vernarbten Fassade herrscht auch heute noch reges Treiben. Neben Künstlern und Musikern gibt es hier auch den mittlerweile über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Verein: „Die Villa“. Ein letztes Mal wird dort im Januar noch gefeiert. Danach ist definitiv Schluss, denn am Ende des Monats wird die Villa für immer geschlossen. „Als wir damals, vor vier Jahren mit der Villa begannen“, sagt Oskar, einer der Betreiber, „hatten wir das Gefühl, dass Berlin stagnierte und sich die einzelnen Szenen hier eingefahren haben. Wir wollten das aufbrechen und ich denke, das ist uns gelungen.“ Der Villa-Betrieb wurde von einem Verein „kritisch-kreativer Menschen“ organisiert, heißt es auf der mittlerweile nicht mehr erreichbaren Internet-Seite.
Der „F.ragments of U.rban C.ulture e.V.“ hatte es sich zur Aufgabe gemacht, ein Gegengewicht zur „Spirale von Maloche und Konsum, die uns an jeder Straßenecke als das wahre glückliche Leben vorgegaukelt wird“, zu setzen. Neben Lesungen, unter anderem auch von Harry Rowohlt, gab es hier regelmäßig Filmabende und Partys mit ständig wechselnden DJs. Viele der Besucher konnten hier tatsächlich noch einen Krümel des Berliner Untergrunds finden, jenen mittlerweile kommerzialisierten Party-Nervenkitzel in obskuren Hinterhof-Clubs, wo die Wände unverputzt bleiben und auch mal der Schweiß von der Decke tropft. Aber auch jenseits des Villa-Betriebes passiert einiges hinter der denkmalgeschützten Fassade. „Hier leben verschiedene Leute mit unterschiedlichen Hintergründen“, sagt Oskar. „Wir sind wie eine Familie geworden und harmonieren hervorragend.“ Juan ist einer von den insgesamt 80 Künstlern, die hier leben und betreibt seine Kunstgalerie im hinteren Teil des Geländes. „Klar, das hier kann jeden Tag vorbei sein“, sagt er und lässt seinen Blick durch die von Brennholzrauch vernebelte Fabrikhalle schweifen. „Warum der Club jetzt schließt, weiß ich nicht, wir jedenfalls können bislang noch hierbleiben“, sagt er und nimmt einen kräftigen Schluck von dem Billigwodka, der vor ihm steht. Eine klare Antwort auf die Frage, warum die Villa denn nun schließt, will keiner der Beteiligten geben: Manche hier sprechen von einem Streit zwischen den Betreibern, andere wiederum möchten erst gar nichts mit der Presse zu tun haben. „Wir wollen keine Aufmerksamkeit von der Öffentlichkeit“, sagt beispielsweise Rick, der hier auch wohnt.
Fest steht jedenfalls, dass das Gelände 2006 an den Investor Landsberger Allee 54 GmbH verkauft wurde. Der Eigentümer hat lange Zeit versucht, Senatsgelder für eine kreative Nutzung des Geländes zu bekommen, ist damit aber gescheitert. „Bislang hat uns der Eigentümer hier behalten, nun hat er sich aber dazu entschlossen, wieder zu verkaufen“, sagt Oskar. Was nun mit dem Gelände geschieht, ist ebenso unklar wie die Frage, was die Betreiber der Villa in Zukunft vorhaben. Auf dem über 130 Jahre alten Areal der Patzenhofer-Brauerei wird jedenfalls erst einmal wieder Ruhe einkehren. Vor langer Zeit einmal beheimatete dieser Ort eine der bedeutendsten Brauereien der Welt. Die unzähligen Einschusslöcher in der Fassade zeugen von seiner Geschichtsträchtigkeit, bei der die Villa nur ein kleines Zwischenspiel gewesen sein wird. Und danach? Angeblich schlummern irgendwo noch immer die Pläne für die „Schultheiss-Passagen“ – ein riesiges Einkaufszentrum.

Text: Lucas Negroni

Foto: Andrй C. Hercher

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