Konzerte & Party

Aus alt mach neu

Man muss schon staunen über Leonard Cohen. Der Mann hatte es nach einer ersten Absage 2007 dann doch noch geschafft, in der frisch zementierten O2 World sein ers­tes Berliner Konzert seit 15 Jahren zu geben. Und alle Welt war von dem 74-Jährigen begeistert, der gewohnt sonor, sensibel und distinguiert auftrat. Nicht übrigens, weil Cohen als Rampensau Heestersschen Ausmaßes noch bis zum Umfallen auf der Bühne stehen will – seine Managerin hatte ihn schlicht und ergreifend übers Ohr gehauen und die finanziellen Rücklagen um die Ecke gebracht. Von denen dürfte auch Guns’n’Roses-Chef Axl Rose nicht mehr viel geblieben sein, hat er in den vergangenen an­dert­halb Jahrzehnten doch eine Menge Geld verbraten – man munkelt von 13 bis 16 Millionen Dollar, um das mittlerweile allein noch durch seinen Werdegang legendäre Album „Chinese Democracy“ fertigzustellen. Nun ist es überraschend auf den Markt geworfen worden, und jeder kann sich davon überzeugen: nicht der Rede, geschweige denn die Produktionskosten wert.

Besser ge­altert ist da schon Grace Jones, mit deren Rückkehr nach bald 20 Jahren auch niemand mehr gerechnet hatte, die es aber immerhin schafft, auf „Hurricane“ beinahe genauso zu klingen wie zu ihrer Glanzzeit. Das ist zwar kein Fortschritt, aber doch auch sehr passabel.
Vor allem vor dem Hintergund dessen, was den Nachwuchs zuletzt bewegt hat. Mit Vampire Weekend und den Fleet Foxes haben sich zwei US-amerikanische Bands in den Vordergrund gespielt und frischen Wind in den Indie-Rock gebracht, die eigent­lich aber danach klingen, als würden sie regelmäßig die Plattensammlung der Eltern, zumindest aber ihrer größeren Geschwister durchstöbern: afrikanische Rhythmen aus der Paul-Simon-entdeckt-mit-Graceland-die-unterhaltsame-Kultur-eines-anderen-Kontinents-Schule dominieren bei Vampire Weekend, bei Fleet Foxes und der klangverwandten Band Of Horses schmeicheln sich hingegen Folk-Rock und Soft-Pop der frü­hen 1970er in die Ohren.

Da könnten sich Vollblut-Rapper über soviel Retrolust bei den Weißbroten eigentlich einen feixen, gäbe es nicht den von Kanye West und Common zuletzt mit ihren neuen Alben angestoßenen Trend zum Au­to-Tuning-Stimmsound, einer Verfremdung, die weltweit vor genau zehn Jahren mit Chers „Believe“ ihren Siegeszug bis hin zu den Puhdys („Königin“) antrat und den Hip­Hop somit auch nicht wirklich hip macht. Wirklich verblüffen konnten in diesem Jahr eigentlich nur Portishead, die mit ihrem Album „Third“ weder Rücksicht auf anderer Leute Geschmack noch auf die eigene TripHop-Vergangenheit nahmen und ein roh-beklemmendes Werk aufnahmen, das keine Vergleiche zulässt.
2008 wird auch als das Jahr in Erinnerung bleiben, in dem es der Art-Rock-Band Radiohead gelang, mit dem Ballyhoo der di­gi­talen Revolution einem zunächst nur als Download vertriebenen, eher durchschnittlichen Album („In Rainbows“) ordentlich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Down­load-Nachzüger wie die Charlatans blieben dann kurz darauf be­reits auf ihrer körperlosen Digi­talware sitzen.

Billy Corgan will daraus – und aus dem mediokren Abschneiden seines letzten Sma­shing-Pumpkins-Albums „Zeitgeist“ – Lehren ziehen: „Wir nehmen keine Alben mehr auf, weil die Leute sich davon eh nur die Singles herunterladen. Die Sma­shing Pumpkins werden als Singles-Band weiter existieren.“ Nichts dagegen, aber auch hier gilt: Eine Single wird nur dann runtergeladen, wenn sie auch gut gemacht ist. Das wäre doch schon Mal eine schöne Aufgabe für 2009!

Text: Hagen Liebing

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