Konzerte & Party

Ausgerechnet Weihnachts­lieder

smith_burrowsEin Loft im Hinterhof in der Nähe des Hermannplatzes. Normalerweise nicht der Ort, an dem man zwei erfolgreiche britische Musiker aus der Indie-Generation der Nullerjahre vermutet. Aber genau dort geben Tom Smith, der sonst bei den Editors singt, und Andy Burrows, der mal Schlagzeuger bei Razorlight war, ein kleines Aufwärmkonzert. Die beiden hatten bisher direkt noch nichts miteinander zu tun, sind sich in London aber des Öfteren im Pub über den Weg gelaufen und haben sich nach der Sperrstunde zu Hause weiter über Musik unterhalten. Irgendwann fiel ihnen auf, dass Weihnachtsmusik meistens auf denselben Songs basiert. Da müsse noch mehr gehen, dachten sie sich und schritten zur Tat. Ein paar Monate später sitzen sie in Kreuzberg. Smith an der Gitarre und Burrows am Piano, vor ihnen ein Kerzenleuchter. Der eine singt „Wonderful Life“ von Black, der andere gibt „Only You“ von Yazoo mit Falsettstimme zum Besten. Beide Titel sind auch auf dem ersten gemeinsamen Album „Funny Looking Angels“ enthalten, aber nicht der Grund, warum man sich näher mit diesem Werk beschäftigen sollte. Staunen tut man über die Eigenkomposition „When The Thames Froze“ und die zeitlose Zeile „God damn this government, will they ever tell me where the money went?“. Oder über „This Ain’t New Jersey“ und die darin enthaltene Feststellung, dass Streitigkeiten in der Familie zu Weihnachten schnell mal überhandnehmen. Es sind Songs, in denen neben besinnlicher Stimmung auch Realitätssinn seinen Platz hat.

Alle Jahre wieder kommt das Christuskind und bringt uns Musik zum Fest. Nicht immer ist Vorzeigbares wie bei Smith & ­Burrows oder Kate Rusby dabei. Die wunderbare englische Folksängerin singt auf „While Mortals Sleep“ weniger abgegriffene Traditionals, die zum Teil von ihrer Heimat im Süden Yorkshires handeln und trotz balladesker Grundausrichtung mit einem Glas in der Hand genossen werden können. Da kennt man in Britannien nichts. In der Regel aber treten zu dieser Jahreszeit künstlerische Ambitionen in den Hintergrund. Meistens überwiegen kommerzielle Motive und will man einfach die Gelegenheit nutzen, einen gerade gut laufenden Namen zu melken. Bestes Beispiel dafür ist „Under The Mistletoe“ von Justin Bieber. Der betont brav erzogene Kanadier bietet ein „Little Drummer Boy“-Duett mit Busta Rhymes an und landet sowohl bei den Standards als auch mit der neuen Nummer „Mistletoe“ in seichtem R&B-Pop-Fahrwasser. Es ist nicht davon auszugehen, dass man sich daran ein, zwei Jahre später noch erinnern wird. Solche Befürchtungen hat man bei Lady Gaga im Allgemeinen nicht. Die zurzeit schrägste Sirene der Unterhaltungsbranche lässt sich dieses Jahr ebenfalls auf das Weihnachtsgeschäft ein und sorgt dabei für einen Lacher.

Auf ihrer EP „A Very Gaga Holiday“ befindet sich eine Version des Oldies „White Christmas“ in dezenter Jazz-Aufmachung und mit einem neu hinzugefügten Vers, auf den sie mit einem gesprochenen Part selbst stolz hinweist. Dabei hört sie sich etwas angeheitert an, die Dame hat schließlich einen Ruf zu verteidigen. Auch nicht völlig nüchtern geht es bei Scott ­Weiland zu. So hat es jedenfalls den Anschein. Der von den Stone Temple Pilots und Velvet Revolver bekannte Grunge-Sänger freut sich über „The Most Wonderful Time Of The ­Year“. Ausgerechnet Weiland! Dieser Kalifornier hatte in seinem bisherigen Leben meist miese Laune und wegen seiner Drogensucht Probleme mit dem Gesetz. Auf seinem Album hört er sich gelegentlich wie Charles Bukowskis Alter Ego Henry Chinaski auf Trebe an. Unfreiwillig komisch sind Weilands lallende Laute in „Silent Night“, zu denen sich im Hintergrund ein brasilianischer Bossa-nova-Rhythmus und karibische Steel Drums gesellen.

Es ist nicht übertrieben, wenn man behauptet, dass Weihnachtsalben eigentlich ins Kuriositätenkabinett gehören. Trotzdem werden Musiker mit seriösem Ruf nicht müde, sich auf diesem schwierigen Gebiet zu versuchen. Vor zwei Jahren waren es Tori Amos und Bob Dylan. Von der Pfarrerstochter Amos konnte man so etwas noch am ehesten erwarten. Sie hatte früher während der Adventszeit in der Kirche ihres Vaters gesungen und daran anknüpfend einige Lieder für ihre „Midwinter Graces“ ausgewählt. Etwas weniger Beachtung werden die auch als Schauspielerin bekannte Zooey Deschanel und ihr musikalischer Partner M. Ward alias She & Him finden. Schade eigentlich. Die Musik auf „A Very She & Him Christmas“ wird von minimalistischen Akustikarrangements bestimmt und lässt einen Bezug zum klassischen Rock’n’Roll erahnen. Inspiriert fühlten sich Deschanel und Ward von zwei Großen des Musikgeschäfts. Einmal von Phil Spector, dessen Aufnahmen mit Darlene Love, The Ronettes oder The Crystals zum Besten gehören, was man zum Fest auswählen kann. Und zum anderen vom „Christmas Album“ der Beach Boys mit dem großartigen „Little Saint Nick“. Beide Alben sind fast 50 Jahre alt, aber das macht nichts. Wenn man sie abspielt, scheint einfach die Sonne ins Berliner Winterherz.

Text: Thomas Weiland

Smith & Burrows Babylon, Sa 17.12., 21 Uhr, VVK: 24 Ђ

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