Konzerte & Party

Avi Avital in Potsdam und Berlin

Avi Avital

„Moskau“ steht in großen kyrillischen Lettern über der Eingangstür, vor der sich die Wartenden stauen, um drinnen Avi Avital zu hören. Elektronische Musik ist es allerdings nicht, die an diesem feucht-nassen Winterabend in dem frisch renovierten Club auf der Karl-Marx-Allee gespielt wird. Sondern Musik für Mandoline, das Stamm-instrument des Israelis.
Mit dem handlichen Saiten-Instrument, das so oft auf schönen italienischen Gemälden zu finden ist, teils gezupft von prallen Engelchen, ist Avital zum Shooting Star in der Klassikwelt aufgestiegen. Speziell in New York wird der virtuose Solist geliebt, dort füllte er unlängst wieder mal die ehrwürdige Carnegie Hall. Am folgenden Abend spielte der Spross sephardischer Juden aus Marokko dann in kleiner Musikerrunde traditionelle Balkan-Tänze. 30 Leute drängelten sich da in Brooklyns Barbйs-Club. Dieses Kontrastprogramm ist genau nach Avitals Geschmack. Und wenn die Leute auch mal quatschen und trinken, statt andächtig jedem Ton auf seinem Griffbrett zu lauschen, dann läuft seine Mission goldrichtig: die Mandoline wieder bekannter zu machen und ihre Vielfältigkeit vorzuführen.
Avi Avital2010 wurde Avital für einen Grammy vorgeschlagen, im vorigen Jahr brachte er für die Deutsche Grammophon ein Album mit Musik von Bach heraus. Sein neues Album sei nun ungefähr „das Gegenteil davon“, erklärt der 35-Jährige beim Interview im gläsernen Büro seiner Plattenfirma am Spreeufer. „Between World“ heißt das Album mit Musik von Bartуk, Villa-Lobos oder Piazzolla neben traditionellen Weisen aus dem Balkan oder auch Wales. Die Arrangements stammen aus seiner eigenen Feder und versammeln eher Klassik-Außenseiter wie Percussion-Instrumente, Kontrabass oder Akkordeon. Auch sein Mentor Giora Feidman gastiert mit der Klarinette auf zwei Stücken.
War Avitals Bach-Album ein recht ungewöhnlicher Schritt für ein Debüt auf einem Instrument, für das der alte Meister nie Originalmusik komponierte, so ist auch das Nachfolgealbum überraschend. Es betont nun die folkloristische Seite der Mandoline. „Für mich ist sie eine Verwandlungskünstlerin, mehr noch als die Gitarre“, findet Avital, der das Instrument schon seit Kinderzeiten spielt, damals noch im Kinder-Mandolinenorchester seiner Heimatstadt Be’er Scheva. „Wenn du auf der Mandoline italienische Lieder aus Neapel spielst, klingt sie sehr typisch italienisch, spielst du russische Volkslieder darauf, klingt sie russisch. Und wenn du darauf Bluegrass spielst, klingt sie typisch amerikanisch. Das funktioniert mit den verschiedensten Kulturen und Regionen der Welt. Mit diesem Effekt wollte ich spielen.“
Avi AvitalBei der Berliner Plattenfirma Deutsche Grammophon ist einer wie Avital gut aufgehoben, schließlich wird dort schon seit Jahren an der Öffnung starrer Grenzen zwischen E- und U-Musik gearbeitet. Ein Techno-Projekt wie etwa Pianist und Labelkollege Francesco Tristano hat Avital zwar vorerst nicht im Sinn. Aber wer weiß? „So was finde ich absolut spannend. Ich finde solche Grenzüberschreitungen sehr passend für unsere Zeit, in der wir immer so viel Zugang zu allem haben. Ob dich nun elektronische Musik fasziniert oder aber die Rhythmen eines bulgarischen Akkordeonspielers, die ich von ihm lerne.“
Gleichgesinnte Künstler hat Avital jedenfalls eine Menge getroffen, als er sich vor drei Jahren entschloss, nach Berlin zu ziehen – damals noch ohne Aussicht auf einen Plattenvertrag. „Nach Berlin bin ich nach meiner Zeit in Italien gezogen, wo ich studierte und mein Tourleben gestartet habe“, erzählt er. „Und immer wenn ich in Berlin spielte, fiel mir auf, dass etwas Außergewöhnliches in dieser Stadt passierte – und dass es genau jetzt passiert. Also dachte ich: Bei der Party will ich dabei sein! Letztlich ist mein Album auch ein Produkt der Umgebung, in die ich reingekommen bin: mit all den Kreativen, Kosmopoliten und Freien. Denn Freiheit ist die Voraussetzung für Kunst.“
Seither saugt Avital die Angebote der Stadt förmlich auf. „Ich liebe es, dass ich an einem Abend in die Philharmonie gehen kann und eine der weltbesten Interpretationen von Brahms 4. Sinfonie höre und am nächsten Abend ein großartiges modernes Tanzstück erlebe oder ein experimentelles Elektronik-Event mit Live-VJ. Und das alles in denselben Klamotten, ohne von irgendjemandem komisch angesehen zu werden. Mir war schnell klar, dass das die Stadt ist, in der ich leben will!“
Seinen Freundeskreis hat Avital denn auch gleich mit großem Nutzen in seine Arbeit eingebracht. Viele von ihnen tauchen im Booklet der Platte auf. Im Gegenzug hilft Avital bei deren Projekten aus. Wenn ihn so etwas in einen obskuren Club oder eine kleine Jazzbar führt, umso besser.

Text: Ulrike Rechel

Foto oben: Guy Hecht

Foto mittig: Jakob Hoff

Foto unten: Uwe Arens / DG

Avi Avital mit der Kammerakademie Potsdam?, Potsdam, Nikolaisaal (Bach, Bartуk, Bloch, Falla, Tsintsadze, Vivaldi), Do 26.12., 16 Uhr, VVK: 8–30 Euro zzgl. Gebühr

Avi Avital mit Berliner Camerata, ?Philharmonie, Kammermusiksaal, Fr 27.12., ?20 Uhr (Vivaldi, Corelli, Bach, Mozart), ?VVK: ca. 24–54 Euro zzgl. Gebühr

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