Konzerte & Party

Baby Dee im Berghain

Baby DeeDass ältere Menschen mit einem bizarren Lebenslauf die Hoffnung auf Erfolg und künstlerische Selbstverwirklichung nicht aufgeben sollten, davon zeugt die Karriere der 1953 als Mann in Cleveland geborenen Harfenistin, Pianistin und Sängerin Baby Dee. Nach Jobs als Zirkusattraktion, Chorleiterin und Holzfällerin fand sie knapp 50-jährig in David Tibet, dem Chefesoteriker der britischen Neofolkinstitution Current 93, einen prominenten Förderer. Tibet veröffentlicht seit 2001 auf seinem Durtro-Label ihre zwar gewöhnungsbedürftigen, aber umso eindringlicheren und herzzerreißenderen Kunstlieder und Balladen, die sie mit brüchig ergriffener zuweilen schauererregender Stimme singt. Als Freundin und Mitstreiterin von allseits beliebten Outsidern wie Antony Hegarty, Bonnie „Prince“ Billy und Andrew W.K., der auch ihr letztes Album „Regifted Light“ produziert hat, erschuf sie eine tatsächlich eigenständige Klang­ästhetik aus englischem Liedgut, New Yorker Queer-Tradition, Theatermusik, Gospel, Chanson und Minimalismus und setzte sich als international geschätzte Künstlerin durch. Spätestens seit „Safe Inside The Day“, ihrem grandiosen letzten Album, gilt sie als versierte Komponistin und Klavierspielerin, gar als Wiedergängerin des Barockmeisters Henry Purcell. Baby Dee hat ihren Freakstatus geschmeidig abgeworfen.

Text: Jacek Slaski

Baby Dee, Berghain, Do 22.9., 21 Uhr, VVK: 20 Euro

Mehr über Cookies erfahren