Hybrid-Piano

„Bach ist Techno“ – Francesco Tristano im Gespräch

Francesco Tristano kann Detroit-Electro, aber auch Barockmusik. Auf seiner neuen Platte legt er einen weiteren Gang ein. Warum das?

Foto: Marie Staggat

tip Sie spielen Techno und Klassik, Herr Tristano. Haben Sie keine Angst, sich die ­Ohren für den barocken Bach zu ruinieren?
Francesco Tristano Traurig, aber wahr: Noch bevor ich in die Clubs ziehe, setze ich mir Stöpsel in die Ohren – außer für die Zeit, zu der ich spiele, eine Stunde lang. Von den 100 Dezibel krieg ich also erst ’mal wenig mit. Das limitiert mich schon, das Spektrum wird viel schmaler. Wirklich gefährlich für die Ohren ist aber nicht der Bass, der ans Herz geht – sondern die Höhen sind es und der Druck. Fünf bis zehn Minuten vor meinem Set nehme ich die Stöpsel raus, um mich an die Akustik im Raum zu gewöhnen.

tip Sie haben Klavier studiert, in New York an einer der besten Schulen der Welt. Sie lieben aber auch Synthesizer.
Francesco Tristano Die sind viel schwieriger zu spielen. Du hast das Gefühl für den Anschlag nicht. Du hast nie die Resistenz vom Holz. Da sind Synthesizer eher wie Cembalos zur Zeit von Bach. Volle Lautstärke oder gar nichts. Aber es geht mir um die Klangkultur: wie ein analoger Oszillator einen Sound generiert – und wie man den mit Filtern manipulieren kann.

tip Bei den „Piano Circle Songs“ steht jetzt aber das Klavier im Fokus, kaum gefiltert. Sie wurden von Ihren Kindern inspiriert.
Francesco Tristano Für mich läuft sonst nix ohne Rhythmus. Da ist gar nichts am Start ohne einen Groove. Es fällt mir schwer, mich da zurückzuhalten und mich auf die Melodie zu konzentrieren. Aber die Melodie ist irgendwie doch das stärkste Element. Sogar im Techno. Wenn du dich an einen guten Track vor zehn Jahren erinnern kannst, denkst du nicht an die Kickdrum, sondern an die Melodie. Ich habe rum­experi­mentiert, an verschiedenen Stellen in unserem Haus in Barcelona. Es gibt da ein Studio mit dem großen Flügel, aber auch ein Upright-Piano an der Wand und ein Toy-Piano. Irgendwie habe ich gemerkt: Die Kinder haben die Melodie schon verinnerlicht und singen sie wieder heraus. Und dann gibt es die tägliche Evolution der Kindergemütszustände. Das ist unfassbar, wie viele Jahreszeiten die an einem Tag erleben.

tip Eine ganz andere Wahrnehmung von Zeit.
Francesco Tristano Oder vielleicht gar keine. Keine Auffassung von Zeit. Das einzige, was feststeht: morgens aufstehen und abends einschlafen. Als Vater habe ich festgestellt, dass man sich da jeden Tag neu drauf einstellen muss. Jeder Tag ist eine neue Gleichung.

tip Ihr Album ist ein Zyklus, ist ein Kreis.
Francesco Tristano Wenn es so ’rüberkommt, bin ich glücklich; wenn nicht, sollte ich vielleicht noch mal ’ran. Der Kreis ist für mich die perfekte Form. Ein Kontinuum mit den immer selben Winkeln. Und dann ist da noch die unfassbare Kreiszahl Pi, ein Mysterium. Ich habe mich gefragt, ob ich die Idee des Kreises musikalisch umsetzen könnte – samt Störelement Pi. Man kriegt den Wert nie bis zum Ende raus. Eine elegante Zahl, aber letztlich unfassbar kompliziert.

tip Wir denken ja heute im Optimierungswahn öfter linear, in steigenden Diagonalen: ­höher, weiter, schneller, reicher.
Francesco Tristano „Piano Circle Songs“ sind eine Antithese zu diesem Konsum von immer mehr Stimuli. Ich habe mich hier mit dem Wesentlichen befasst: Klavier, zwei Hände, Melodie. Nur ein bisschen Postproduktion – weil ich meinen Sound nach wie vor definieren will.

tip Wie funktioniert die Postproduktion?
Francesco Tristano Im Grunde beginnt die schon mit der Mikrofonierung. Wir haben mit zwölf oder vierzehn Mikrofonen gearbeitet, auf verschiedenen Distanzen im Nahbereich – und dann noch welche im Raum verteilt. Nachträglich haben wir dann jedem Track ein eigenes Sounddesign gegeben. Der nächste Schritt waren Effektgeräte. Sehr minimal, aber ein bisschen Hall hier, ein bisschen Delay dort. Wir haben Maschinen eingesetzt, aber noch im letzten Mixdown habe ich die Hälfte wieder rausgenommen.

tip Wieso das denn?
Francesco Tristano Seit zehn Jahren mache ich eine hybride ­Musik mit sehr viel Elektronik, sehr viel Beats. ­Effekte bis zum Gehtnichtmehr. Jetzt wollte ich einen anderen Gang einlegen.

tip Auf den „Piano Circle Songs“ greift auch Chilly Gonzales neben Ihnen in die Tasten.
Francesco Tristano Wir haben im November 2016 Kontakt aufgenommen. Chilly war einer meiner Follower auf Twitter. Plötzlich kommentierte er meine Posts. Ich war bisschen krawallig drauf, und er hat mich an manchen Stellen korrigiert. Dann habe ich ihn direkt angeschrieben und gefragt, ob er was mit mir machen will. Seine Antwort: „100 Prozent ja“.

tip Und wie lief das dann ab?
Francesco Tristano Wir haben uns bei ihm in Köln getroffen, Burger verputzt und über Kreise geredet, haben füreinander gespielt und auch nebeneinander an einem Klavier. Nach einer Zeit hatte ich drei Stücke am Start, die Chilly-Duette werden sollten. Und ich wollte, dass er auch ein Stück schreibt. Das fand er besonders cool; offenbar wollen die meisten, die ihn einladen, dass er deren Zeug interpretiert und nichts ganz ­Eigenes mitbringt. Alles mit Chilly lief easy. Er gibt der Platte einen Extra-Touch. Er hat ein paar musikalische Redewendungen drauf, bestimmte Triolen, die ich niemals imitieren könnte.

tip „Songs“ sagen Sie, dabei erklingt ja keine menschliche Stimme in Ihren Liedern. Das kann einen an Felix Mendelssohns Klavierminiaturen „Lieder ohne Worte“ erinnern.
Francesco Tristano Die Formen stimmen nicht überein, aber was bei Mendelssohn und bei mir jetzt zählt, ist, dass man das Klavier zum Singen bringt. Das Klavier ist zwar ein Schlaginstrument, das aber, besonders im hohen Register, wie eine Stimme klingen kann. Unter acht Minuten läuft bei mir ja sonst gar nichts. Oft waren es früher zwölf, fünfzehn Minuten pro Track. Oder eine ganze Stunde Nonstop-Mix. Aber diesmal ging es um etwas Anderes, auch beim Timing.

tip Das Klavier darf also singen bei Ihnen. Obwohl Sie von Bach her kommen. Gerade viele Bach-Fans sehen das ja anders, sie verachten das Romantisieren.
Francesco Tristano Ich bin einverstanden. Wenn ich Bach spiele, will ich auch nicht romantisch klingen. Ich will auch eigentlich nicht nach Klavier klingen.

tip Aber Sie spielen Bach nicht historisch-korrekt auf dem Cembalo.
Das fällt mir nämlich ziemlich schwer. Aber ich habe oft versucht, das auf dem Klavier umzusetzen, was ich auf dem Cembalo studiert habe. Bachs Musik singt, ohne romantisch zu sein. Sie ist hypermelodisch. Und diese Melodie ist zugleich auch Rhythmus. Der Basso Contunio im Barock ist wie die Bassline im Techno: Impuls, Rhythmus, Tonhöhe, Modulation. Die ganze Motorik läuft über den Bass. Und das ist in meinem Verständnis von Musik sowieso der Fall.

tip Die Affinität für Bach und für Techno hängt also zusammen.
Francesco Tristano Bach und Techno sind dasselbe. Das Aufbauen von unten. Da gibt es in der Musikgeschichte aber einen Aussetzer: Im 19. Jahrhundert geht es nicht um den Bass – jedenfalls nicht als Maschine, die den Rest der Musik bestimmen würde – so wie das bei Bach sogar in den langsamen Sätzen oder Tänzen noch so war. Ohne Bass läuft bei Bach überhaupt nichts.

Funkhaus Berlin Nalepastr. 18, Oberschöneweide, Mi 6.9., 20.30 Uhr, VVK 29,95 €

Mehr über Cookies erfahren