Konzerte & Party

Bach-Marathon mit Alband Gerhardt im Radialsystem

Alban Gerhardttip Sie treten weltweit in den großen Konzertsälen auf. Weshalb spielen Sie die sechs Cello-Suiten von Johann Sebastian Bach im Radialsystem – und nicht im Kammermusiksaal der Philharmonie?
Alban Gerhardt Gute Frage. Ich bin zum ersten Mal im Radialsystem aufgetreten, als ich beim DaschSalon eingeladen war. Seitdem bin ich ziemlich begeistert von diesem Veranstaltungsort. Ich spiele die Cello-Suiten im August in Italien, und weil ich mich darauf sowieso vorbereiten muss, habe ich Folkert Uhde vom Radialsystem gefragt, ob ich sie nicht auch im Radialsystem aufführen soll. Ich finde, diese Musik passt eigentlich besser in alternative Konzertsäle als beispielsweise in die Philharmonie. Bachs Cello-Suiten sind fast meditativ. Wenn man das frontal vorgesetzt bekommt wie in einem traditionellen Konzertsaal, kann das leicht einschläfernd wirken. Im Radialsystem haben wir ganz andere Möglichkeiten mit dem Raum und dem Licht zu arbeiten.

tip Wie unterscheidet sich Ihr Konzert im Radialsystem von einer klassischen Konzertsituation?
Gerhardt Ich werde wahrscheinlich jede der Suiten an einer anderen Position im Raum und in einem anderen Licht spielen. Es wird eine Lounge-Atmosphäre entstehen. Das Publikum sitzt nicht steif auf einer Bank. Bei gutem Wetter übertragen wir das Konzert auf die Terrasse an der Spree. Ich habe einmal alle Bach-Suiten im Konzert gehört, da war ich, glaube ich, zwölf, und ich bin fast eingeschlafen. Ich habe einen Riesenrespekt vor diesen sechs genialen Musikstücken. Das Konzert muss unbedingt mit Leben erfüllt werden. Ich wünsche mir, dass Leute, die zum ersten Mal in einem Klassik-Konzert sind, das genauso mit Vergnügen anhören können wie andere, die Bachs Musik gut kennen.

tip Es geht ja nicht unbedingt um Unterhaltung. Diese Stücke verlangen eine große Konzentration, oder?
Gerhardt Konzentration auf meiner Seite, beim Spielen. Beim Publikum nicht unbedingt. Das soll sich auf diese Reise einlassen. Wenn man sich so sehr anstrengen muss, um dabei zu bleiben, dann hat der Interpret etwas falsch gemacht. Man darf auch träumen. Es ist Musik, die eine Interpretation verlangt, wie Nikolaus Harnoncourt sagt: Musik als Klang-Sprache, Musik, die spricht und Geschichten erzählt. Wenn das nicht passiert, kann es ziemlich dröge werden. Das ist große Musik. Aber wenn sie nicht sehr gut interpretiert wird, wird es furchtbar und unerträglich, genau wie schlecht gespielter Mozart.

Alban Gerhardttip Bachs Cello-Suiten sind sehr abstrakte Musik, weder höfische, festliche Musik noch sakral. Welche Geschichten, welche Träume erzählt diese Musik?
Gerhardt Um ehrlich zu sein, vor dieser Frage stehe ich so ratlos wie der Ochs’ vor’m Berg. Gestern habe ich zufällig einen Artikel von Harald Eggebrecht gelesen, der brillant beschreibt, weshalb man über Musik eigentlich nicht schreiben kann, weil Musik da anfängt, wo Sprache aufhört. Wenn man das, was man bei Musik empfindet, in Worte fasst, verliert es schon sehr viel. Deshalb weiß ich auch nicht, wie man Musik unterrichten kann, obwohl ich ab und zu selbst Meisterkurse gebe. Die Technik kann man vermitteln, aber das, was ich empfinde, das, worauf es eigentlich ankommt, kann man eigentlich nicht unterrichten, weil es sich nicht in Sprache übersetzen lässt.

tip Versuchen wir es trotzdem: Was macht Bachs Cello-Suiten, die schönste Musik der Welt, zu so etwas Besonderem?
Gerhardt Es gibt diesen Spruch, der vielleicht ein bisschen abgedroschen ist, aber es ist etwas dran: Bachs Cello-Suiten sind wirklich die Bibel des Cello-Spiels. Schon technisch ist da so viel drin, wenn man jeden Tag eine Suite spielt, bleibt man technisch auf einem hohen Niveau. Das hat etwas Reinigendes. Musikalisch ist man gezwungen, kreativ zu sein. Bei Bach gibt es wahnsinnig viele Möglichkeiten, das zu spielen. Es gibt mehrere unterschiedliche Abschriften. Ich glaube daraus ableiten zu dürfen, dass die Interpreten zu Bachs Zeit unglaublich improvisiert haben. In dieser Musik liegt eine große Freiheit. Die Strenge der Form darf beim Hören nicht im Vordergrund stehen. Das ist ein Gerüst, das wir beim Spielen eigentlich zum Verschwinden bringen müssen, ohne dass das Gebäude zusammenkracht.

tip Alle sechs Suiten in einem Konzert zu spielen ist ein ganz schöner Brocken, oder?
Gerhardt Wohl wahr. Ich habe gestern zu einem Freund gesagt, es wäre leichter, die beiden Schostakovitsch-Konzerte, Prokofjew und die Schumann-Konzerte an einem Abend zu spielen. Ich muss mich extrem intensiv über mehrere Wochen auf das Konzert vorbereiten. Ich habe einen Riesenrespekt davor. Ich habe das schon einmal gemacht und war am Ende so in der Musik zu Hause, dass ich beim Spielen improvisatorische Freiheiten hatte.

tip Durch große Disziplin zur Freiheit?
Gerhardt Genau. Man muss die Musik so in sich drin haben, dass man sich die Arroganz erlauben kann, damit frei umzugehen.

Interview: Peter Laudenbach

Fotos: Alban Gerhardt

Bach-Marathon von Alban Gerhardt, Cello, Radialsystem, Sa 24.7., 20 Uhr

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