Konzerte & Party

„Beirut“ und „Get Well Soon“ in Berlin

Beirut

Wenn es für Zach Condon so etwas gibt wie eine erste große Liebe, dann war sie die Trompete in den Händen eines Marachi-Musikers in seiner Heimatstadt. Aufgewachsen in Santa Fй in New Mexico prägten die mexikanischen Festkapellen den Soundtrack seiner Kindheit. Statt E-Gitarre lernte Condon als Jugendlicher folglich Trompete und Ukulele, und er legte sich den Namen Beirut zu. Einfach, weil das Wort so schön fremd klang.
Auf seine musikalische Früherziehung hat sich der heute 26-Jährige zurückbesonnen. 2010 war es, als der dauertourende Bandleader plötzlich Erschöpfung spürte und sich Selbstzweifel mehrten. Das Album, das Condon hernach einspielte, „The Rip Tide“, markiert eine interessante Wandlung des Songwriters, dessen Herz bis dahin überall in der Welt zu Hause schien – besonders in Europa. Sein Debütalbum „Gulag Orkestar“ war 2007 gesäumt von Blechbläsern nach Art der Hochzeitskapellen Osteuropas. Auf dem zweiten Album „The Flying Club Cup“ schwärmte er in Richtung französischer Musette aus mit dem Akkordeon als Seele.
Das neue Werk wirkt da wie ein Abschied von der großen europäischen Träumerei. Condon schrieb die neuen Songs um Trompete, Ukulele und Klavier – seine Stamm-Instrumente. Selten greifen die intim wirkenden Folksongs mal wieder hinauf zu den Sternen – und wenn mal eine Bläser-Prozession das Bild kreuzt, richtet sich die Sehnsucht diesmal auf die Heimat. „Dieses Vagabunden-Ding war meine Teenager-Fantasie“, bekennt Condon in einem US-Online-Magazin. „Das habe ich im großen Stil ausgelebt.“ Wo Songs früher „Postcards from Italy“ hießen, grüßt er heute schlüssig aus „East Harlem“; selbst „Santa Fй“ hat er einen Song gewidmet, der auf einem hüpfenden kleinen Elektrobeat basiert. Neu auch, dass der Wahl-New Yorker seine Texte aus der Ich-Perspektive singt. „Ich hatte früher immer das Gefühl, dass meine eigenen Geschichten nicht spannend genug wären. Lieber habe ich aus der Perspektive anderer geschrieben und deren Storys erzählt. Diesmal habe ich das Gegenteil versucht.“
Get Well SoonEin ähnlicher Bogen spannt sich über die Diskografie von Get-Well-Soon-Chef Konstantin Gropper. Auch er galt lange als romantisches „Wunderkind“. Und auch ihn drängte es jetzt – nach zwei Alben voller groß ausgemalter, exotischer Romantik – nach Veränderung. Auch er singt erstmals aus der Ich-Perspektive. „Die Welt ordnet sich neu, und das führt denke ich zur gegenwärtigen Endzeitstimmung. Dazu wollte ich mich persönlich ins Verhältnis setzen.“
Die Sorge um den Zustand der Welt prägt das eng zusammenhängende Album mit dem absichtsvoll schwülstigen Titel „The Scarlett Beast O’ Seven Heads“ – „Dieses Biest ist ja ein biblisches Motiv der Apokalypse“, erzählt Gropper, „gleichzeitig klingt das nach einem italienischen Horrorfilm aus den Siebzigern.“ Dazu passt die Musik, die mit eleganten Verweisen auf Italo-Soundtracks der Sechziger und Siebziger gespickt ist: von Dario Argento bis hin zu Ennio Morricone. „Etwas von Morricone war die erste Platte in meinem Besitz“, erinnert er sich. „Ich denke, dieser Einfluss ist auch auf allen meinen Platten rauszuhören.“ Auf das neue Album trifft es fraglos zu: Cembalo, Streicher, Glöckchen, Marimbafon und natürlich Mariachi-Trompeten wirken wie eine tiefe Verbeugung vor dem italienischen Klassiker. Dem Urvater gewissermaßen für alle Eskapisten mit Drang in exotische Weiten.

Text: Ulrike Rechel

Foto oben: Kristianna Smith

Beirut, Columbiahalle, Mi 19.9., 20 Uhr, VVK: 25 Euro zzgl. Gebühr

Get Well Soon, Astra, Do 20.9., 20 Uhr, VVK: 17 Euro zzgl. Gebühr

Mehr über Cookies erfahren