Phänomen

Benjamin Clementine spielt in der Philharmonie

Die Vergleiche mit Tom Waits, Leonard Cohen, Nina Simone und Anohni scheppern alle schlecht. Wie hat der Sänger und Pianoman Benjamin Clementine sein eigenes Genre erfunden?

Craig McDean

Ein Künstler, dem es nur ums Entertainment geht, ist nichts als ein Trickbetrüger“, sagt Benjamin Clementine. Worte mit Wucht, doch er spricht sie ohne Wut. Wer weiß, dass Benjamin Clementine zurzeit die aufregendsten Konzerte der Welt gibt, dass er singend die Extraversion in Person ist, kann nur staunen, dass dieser 28-Jährige beim Sprechen ein ganz anderer zu sein scheint: Benjamin Clementine ist äußerlich ein Ruhiger, wenn er einem ­gegenübersitzt. Er hört zu, überlegt lang, antwortet ­bedächtig. Die Intensität seiner Tiefenentspannung: die eines Ordensmannes.

Das Coming-of-Age von Benjamin Clementine ist so unwahrscheinlich, dass man die Story jedem Hollywood-Schreiberling um die Ohren hauen würde, weil: irre. In London letzte Groschen zusammengekratzt, mit dem Billigflieger über den Kanal, rastlose Jahre in der Metro und im Montmartre, kleine Gigs in schäbigen Bars, jahre­lang ohne festen Wohnsitz. Dann werden Leute auf ihn aufmerksam, er spielt auf dem Montreux Jazz Festival 2014 und ergattert den Mercury Prize fürs Debütalbum „At Least for Now“ 2015, den wichtigsten Musikpreis nach den Grammys.

Grübelnd sagt Clementine im Gespräch: „Es ist doch lebenswichtig, dass ich über meine Zeit spreche. Nicht nur meine Zeit, sondern meine Zeit in Bezug auf mich selbst.“ Wie er das macht, und dass er es nicht als Egozentriker, sondern als Empathiker tut, lässt sich am besten begreifen beim Song „Phantom of Aleppoville“ vom neuen, zweiten Album „I Tell a Fly“. Impulse dazu kamen Clementine bei der Lektüre des englischen Psychoanalytikers Donald Winnicott (1896–1971), der Trauma-Erfahrungen drangsalierter Kinder mit denen von Kriegsflüchtlingen abglich und frappierende Parallelen entdeckte.

Im Aleppo-Song also verknüpft Clementine Schäden, Störungen, die die Seele nimmt – in Syrien jetzt und einst auf dem Schulhof seiner Kindheit. „Wenn ich als Kind drangsaliert wurde und mich das bis in meine Zwanziger hinein traumatisierte, war ich selbstverständlich immer noch kein Kind in Aleppo. Wie viel mehr Scheiße als ich müssen sie durchmachen! Aber die beste Weise darauf zur Sprache zu kommen, erscheint mir, es mit eigenen Erfahrungen zu verlinken.“ Mit dem Ziel der Empathie? „Exakt“, haucht Clementine mit dunkler Stimme nach. „Sie ist doch der einzige Weg.“ Das Private als Prisma fürs Politische. Einen Bezug herstellen zwischen der eigenen Lebenswelt und dem Leiden der Anderen.

Dem wird Clementine auch formal gerecht, denn der Pianoman verweigert sich, mehr noch als auf seinem 2015er-Debüt „At Least for Now“ der Simpelstruktur aufs Konsensradio zurechtgestutzter Popsongs mit Strophen und Refrains. Keine Polit-Predigt in Hooklines, sondern suitenhafte Suche nach Einfühlung – und gleichsam ein Durchleuchten ultraviolenter Strukturen, die unsere Welt vernetzen. Geschichten der Gewalt. Es sei kein politisches Album, betont Clementine im Gespräch. „Es ist ein menschliches Album. Natürlich komme ich auf Themen zu sprechen. Aber ich tue das nicht wie der Sprecher der 10-Uhr-Nachrichten à la: Guten Abend, heute wurde ein Mann in Calais erschossen.“

Viele Musiker kopieren ja ihr Erfolgsrezept, wenn es erstmal aufgeht. „Nächstes Jahr werde ich 30“, kontert Clementine. „Ich kann doch nicht einfach nochmal zurückgehen und mich wiederholen. Du malst ein Gemälde und hängst es auf. Du malst es nicht immer und immer wieder.“ Konnte das Debüt noch als Kammerpop durchgehen mit dem Flügel als Basis, erweitert Clementine seine Klangpalette nunmehr mittels Spinett, Cembalo und Synthesizern. Nur konsequent, denn auch stimmlich zog Clementine schon immer alle Register, croonend, balladierend, flüsternd, Slang und Shouts und manchmal geradezu androgyn-arienhaft wie bei Puccini. Pop war im katholischen Elternhaus ja des Teufels.

Das Klavier erlernte Clementine mit elf Jahren, ­indem er den Spätromantiker Debussy nachklimperte, ohne Noten. Und auch für Clementines Entdeckung der ­Synthesizer war Debussy letztes Jahr entscheidend: Freunde legten ihm den japanischen Electronic-Pionier Isao Tomita ans Herz, der Orchesterwerke auf Synthesizern re-interpretierte. „Debussy auf Synthesizern! Das hat mich vom Hocker gehauen!“, schwärmt Clementine und lacht dabei ausnahmsweise sogar mal.„Danach wusste ich: An die Arbeit, Ben!“ Davor habe er Electro gehasst. „Aber nur weil ich, wie ich jetzt weiß, Musik von schlechten Musikern gehört habe“, räumt er ein.

In Damon Albarns Studio fand er bei den Aufnahmen zum letzten Gorillaz-Album (auf dem er einen Track singt) passable Geräte, manche davon vierzig Jahre alt. „Am liebsten hätte ich 200 Stück davon. Mein Aufmerksamkeitslevel war ganz oben beim Polaris-Synthesizer“, sagt Clementine, „viel höher als beim Klavier. So hat er mich zu einem besseren Künstler geformt.“

Raus aus der Komfortzone, so passt es eben zu ­Clementine, der sich und sein Publikum herausfordert. Bei allem starken Tobak ist Clementine aber von so feinem Gemüt, dass auch Witz (und das ist ja eine Geistesleistung) nicht zu kurz kommt. Tiere stehen surreal für schicksalsgebeutelte Menschen. Er möchte auch nicht banal mit dem Finger zeigen, etwa Politikernamen streuen. Hemingway-Style: Leerstellen lassen. „Warum solle ich Präsidenten ein solches Gewicht geben? Wenn ich Stift, pen, sage, und Sie darin Le Pen hören wollen, ist das Ihre Sache.“ Er lächelt verschmitzt, zehn Sekunden später: „Aber nur zu!“

Philharmonie Herbert-von-Karajan-Str. 1, Tiergarten, Di 21.11., 20 Uhr, Eintritt 39–63 €

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