Konzerte & Party

Berlin Festival: Konzertnotizen vom Samstag

TrickyTurbostaat werden ihren Auftritt auf dem Berlin Festival wohl ziemlich schnell verschmerzen. Die wenigen Zuschauer, die sich nach dem veränderten Line-Up um 14.30 Uhr vor der Bühne der Flensburger versammelt hatten, feierten ihre Helden und wurden mit einem Gang auf die Bühne belohnt.

Edwyn Collins hatte es da sichtlich schwerer. Der britische Musiker ist das erste „Opfer“ des veränderten Programmablaufs. Es ist 16 Uhr, sein Konzert hätte zwei Stunden später beginnen sollen. Vor der Bühne eine übersichtliche Zuschauermenge. Die meisten Festivalbesucher liegen noch müde auf dem Betonboden ausserhalb des Hangars. Es hätten ruhig mehr sein können – Collins, sichtlich gut gelaunt, spielte mit seiner Band ein exzellentes Set aus alten und neuen Liedern, darunter einige seines neuen Album „Losing Sleep“, das in Deutschland am 17. September erscheint. Collins, immer noch sichtlich gezeichnet, hatte vor knapp fünf Jahren zwei Schlaganfälle und geht heute am Stock. Die rechte Hand ist steif, das Konzert bestreitet er im Sitzen. Er lächelt viel, scherzt mit seinen Musikerkollegen und verströmt eine genussvolle Lebensfreude.
Das Publikum, anfangs ziemlich zaghaft, läßt sich mit jedem Song mehr und mehr auf Collins ein. Als der nach einer knappen Stunde seinen 1995er Hit „A Girl Like You“ anstimmt, kommen sie in Scharen an die Bühne. Ein versöhnliches Ende, der Beifall hält noch an, als der Sänger längst die Bühne verlassen hat.

Im Anschluss Gang of Four. Ihr letztes reguläres Album „Shrinkwrapped“ ist bereits 15 Jahre alt. Das Konzert in Berlin ist das einzige in Deutschland. Ihr Mix aus Punk, Funk, Dub und Reggae kommt beim Publikum gut an, auch wenn das Gros der Festivalgänger – das Areal rund um die Mainstage ist jetzt recht gut gefüllt – nicht so recht etwas mit den Post-Punkern anfangen kann. Dennoch: Sänger Jon King gibt sich alle Mühe, reißt rebellisch die Arme hoch, rennt wie ein Derwisch über die Bühne und würgt mit Vorliebe seinen Gitarristen Andy Gill. Doch handfeste Gitarrenmusik hat heute keinen guten Stand. Berlin will feiern.
Elektronisch.

SoulwaxMit Soulwax (Foto rechts), es ist 19 Uhr, kehrt nun endlich Festivalstimmung ein. Die belgischen Electro-Rocker brauchen die ordentlich angewachsene Masse vor der Mainstage erst gar nicht anheizen. Vom ersten Moment an fiebert die Menge mit. Eine Euphorie, die von all denen getragen scheint, die nach dem Festivalabbruch am Freitag nicht mehr das DJ-Set von 2 Many Djs, dem rein elektronischen Nebenprojekt der Belgier, sehen konnten. Das Berlin Festival ist zurück, das Set der Band aggressiv, mitreißend und explizit elektronisch.

Und noch ist das Pulver nicht verschossen. Der Hamburger DJ Boys Noize, ursprünglich sollte er sein Set im Hanger 4 spielen, ist wohl der Gewinner des Abends. Sein Auftritt folgt nun direkt auf den von Soulwax. Waren die Massen gerade schon begeistert, gleicht sein Konzert jetzt einem einzige Glückstaumel. Jeder dröhnende Basseinsatz wird geradezu frenetisch gefeiert. So als hieße es: „Endlich ist die Party da“.

Da hat es dann ein Tricky (Foto oben) gleichzeitig in Hangar 4 natürlich schwer. Wummernde Bässe, die der Soundanlage alles abverlangen, gehen jedoch direkt in den Bauch und sorgen in ihrer Langsamkeit für düstere Sphären, in denen der Mann aus Bristol im dunklen Bühnenlicht kaum zu sehen ist. Ein wenig lustlos wirkt das ehemalige TripHop-Wunderkind, verschwindet des Öfteren von der Bühne und überlässt die Arbeit am Publikum seinen Musikern. Schöne, intensive Musik, doch letztlich leider nur ein routinierter Auftritt ohne Ausrufezeichen. Tricky verschwindet nicht nur im Dunkel der eigenen Bühne, sondern auch eher im Mittelfeld der gelungenen Festivalshows.

Zur Übersicht: Das war das Berlin Festival 2010

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