Konzerte & Party

Berlin Festival: Zweiter Tag

Cro, Martin DaßinniesCRO
Im Gegensatz zum vorherigen Jahr haben die Organisatoren offensichtlich alles richtig gemacht. Das Rollfeld ist bereits um drei Uhr gut gefüllt. Knapp zweitausend Leute fiebern dem Panda entgegen. Und als der kommt, kocht die Stimmung hoch. Die Floskel muss erlaubt sein. Denn Cro macht Wohlfühl-Rap. Und die Leute nehmen das dankbar auf. Vor allem die Damen, die hier deutlich präsenter im Publikum verteten sind. „Ich trau mich nicht, Mädchen anzusprechen“, säuselt er da oben, wird dafür gefeiert, und stimmt dann seinen Hit „Du“ an. Die Masse folgt und reckt die Hände gen wolkenbefreitem Himmel. „Die Welt ist geil“ folgt und damit hat er heute vollkommen recht.

I HEART SHARKS
Wo kurz vorher auf der Main Stage noch Kindergeburtstags-Atmosphäre mit einem hüpfenden und armwedelndem Cro zu fühlen war, verbreiteten I Heart Sharks im Hangar nebenan Teenie-Party-Feeling. Die drei Wahlberliner, die sich vor Jahren im Berghain zusammenfanden,  mixen 80er-Synthipop-Anleihen mit Elektro, was das Publikum mühelos zum Hüfteschwingen animierte.

KIMBRA
Zum ersten Mal präsentierte sich Kimbra in Berlin. Die Frau, die als Gastsängerin bei Gotyes „Somebody I Used To Know“ bekannt wurde, zeigte jedoch gleich, wo ihre Solopfade hinführen. In einem zu kurz geratenen Brautkleid aus silbernem Plastik und hochhackigen Lederpumps, hüpfte die Neuseeländerin zu den Klängen ihres Debüt-Albums „Vows“ wie eine vom Irrwisch besessene Pop-Diva über die Bühne. Dass ihre vom Rock angehauchten Soul und R’n’B-Stücke dabei teilweise recht belanglos sind, fiel kaum ins Gewicht, zumal sich die 22-Jährige mit ihrer Band zum Ende der Show hin auch musikalisch noch deutlich steigern konnte.

FIRST AID KIT
Elfengleich stehen sie hinter ihren Mikrofonen und schauen schüchtern in die Runde: Die beiden erst 18 und 21 Jahre alten Schwestern Johanna und Klara Söderberg wurden über YouTube berühmt und wirken auf der Bühne zunächst etwas verloren, ziehen das Publikum mit ihren glasklaren Stimmen jedoch sofort in den Bann. Folk, Einflüsse von Country und Indie-Pop – das Duo hat seine Nische gefunden und traut sich auch in jungen Jahren schon an Klassiker wie „America“ von Simon&Garfunkel. Eine Band mit Zukunft.

BONAPARTE
Die Berliner Formation baut erstmal Spannung auf, indem sie auf sich warten lässt. Als die Musik endlich einsetzt, tummelt sich auf der Bühne nur eine Vogelscheuche, erst nach einigen Takten springen die Bandmitglieder in gewohnt knallbunten Tier-und Fantasie-Outfits auf die Planken und haben ihr Publikum sofort im Griff. Klasse Festivalstimmung mit Hüpfen, Klatschen und „Make some Noise“-Johlen, erst recht beim zweiten Song des Auftritts: „Anti, Anti“, der noch immer der Burner zu sein scheint. Die Band ist offensichtlich in Hochform, beim Singen wie beim fliegendem Kostümwechsel, was ja immerhin ihr Markenzeichen ist.

KRAFTKLUB
Protzen können die fünf Chemnitzer sehr überzeugend. Und das obwohl es sie gerade einmal zwei Jahre gibt. Ein großes, erleuchtetes K dominiert die Hauptbühne. Das Anheizen des Publikums funktioniert einwandfrei. Und lautstark sind sie auch. Ihre Mischung aus Rap und Indiemusik ist, schaut man sich die Menge an Menschen an, die es zur Hauptbühne gezogen hat, offensichtlich zeitgemäß. Und sie ist, nebenbei bemerkt, irgendwie auch bekannt. In fast jedem Stück von Kraftklub glaubt man einen bereits geläufigen Song wiederzuerkennen – und das nicht erst als sie „Loser“ anstimmen. Diesen Song hat die Band im Grunde gar nicht nötig. Wer nicht nach Berlin zieht, um erfolgreich zu sein und dann auf Platz eins der Charts einsteigt, ist alles andere als gescheitert. Und ganz entgegen ihrer Ansage „Ich will nicht nach Berlin“ zieht es Band doch ziemlich häufig in die Stadt der Jutebeutel-Träger. 

WHOMADEWHO
Die grellbunte Bühnenbeleuchtung samt Stroboskop-Effekten macht gleich deutlich: hier läuft Discomucke, und zwar vom Feinsten. Benannt nach einem Album von AC/DC bestätigte das dänische Trio auch beim Berlin Festival seine guten Live-Qualitäten. Neben der farbigen Beleuchtung sorgt der projizierte Kopf einer antiken Statue für Blickfang, der ständig fragmentiert und wieder neu zusammengesetzt wird.

FRIENDLY FIRES
Gelenkig ist er ja, dieser Ed Macfarlane – seines Zeichens Sänger und Frontmann von Friendly Fires. Während des Openers „Lovesick“ dreht und windet er sich auf der Bühne in bester Mick Jagger-Manier, als könne er sich damit den Liebesschmerz von der Seele tanzen. Überhaupt verzieht der Mann bei jeder einzelnen Silbe das Gesicht als müsse er sie aus den tiefsten Tiefen seiner Seele erst hervorkramen, ehe die Worte über seine Lippen kommen. Dabei klingt er mitunter wie ein Robert Smith (The Cure) in Bestform, während seine Band das Ganze mit temporeichem Powerpop – und zeitweise sogar unterstützt von einer Bläser-Sektion – tanzbar macht. Eine traurige Stimme, die Spaß macht – das muss man erstmal hinkriegen.

Franz_FerdinandFRANZ FRANZ FERDINAND
Die schottischen Franz Ferdinand waren 2004 die Shooting Stars des IndieRock, in den letzten Jahren ist es allerdings ruhiger um die nach dem österreichischen, 1914 gemeuchelten Thronfolger benannte Band geworden. 2009 kam das letzte Album „Blood“ heraus (abgesehen von einer EP mit Coverversionen ihrer Lieblingshits). Nichtsdestotrotz brauchen die Schotten um Frontmann Alexander Kapranos nur wenige Takte, um dankbar vom Publikum mit Klatschen, Winken und lautem Mitsingen bedacht zu werden. Vor dem Konterfei des Kaiser-Attentäters von 1914 (ein serbischer Gymnasiast) im Bühnenhintergrund spielen sie ihre Hits von „Take me out“ bis zur Coverversion von Donna Summers „I feel Love“ herunter, aber nicht ganz mit der eher anstrengenden Stadionrock-Attitüde wie The Killers am Tag zuvor. Und das passt. Zwischen die Hits packen sie einige Songs aus dem neuen Album, an dem sie gerade arbeiten, was man allerdings nicht sofort bemerkt.

MARSIMOTO
Was bitte schön war das denn? Da kommt ein Typ mit grüner Maske auf die Bühne, ruft mit Micky-Maus-Stimme aus dem Effektgerät die Republik „Green Berlin“ aus und der gesamte Hangar4 des BerlinFestivals fängt zu HipHop und Electro-Klängen mit dem Kopfnicken an. Musikalisch hat man das alles irgendwo schon mal gehört, textlich werden hohle Phrasen verbreitet und so muss es irgendetwas anderes geben, das sich dem Autor dieser Zeilen nicht erschließt, was die Leute vor der Bühne vor Verzückung ausflippen lässt.

THE SOUNDTRACK OF OUR LIVES
Wie eine Mischung aus Messias, Hohepriester aus längst vergangenen Tagen und Harry Potter-Riese Hagrid betritt Frontmann Ebbot Lundberg die Bühne. Wallendes Haar, Vollbart, die Arme ausgebreitet und das Tamburin wie eine Dornenkrone auf dem Kopf. Was derart abgehoben beginnt, erdet sich mit der Musik dann jedoch fast wie von selbst. Rock, wie er eben erdiger nicht sein kann. Und Lundberg? Der erdet sich selbst, in dem er die Show erst einmal mit einem Bad in der Menge beginnt.

PAUL KALKBRENNER
Mit seinem Auftritt feiert sich das Berlin Festival selbst. Betrachtet man sich die angereisten Zuschauer, dann ist das Festival 2012 weitaus gelungener und erfolgreicher, als es die Jahre zuvor war. Was vor allem an dem breit aufgestellten Programm, das eben nicht mehr nur Elektronisches sondern viel Grenzüberschreitendes (WhoMadeWho“) und zugespitzt Massentaugliches (The Killers, Franz Ferdinand) bot, lag. Elektronische Musik ist zwar massentauglich, aber sie funktioniert nicht zwangsläufig auch für ein Festival dieser Größe. Das war wohl die eine Erkenntnis. Die Zweite, die Hauptbühne nicht mehr direkt unter dem Hanger zu positionieren, war ebenso herausragend.

Paul Kalkrenner ist mit seiner „Show“, dem Stehen hinter dem Laptop, nun der Höhepunkt des Festivals. Das ist eine Ansage. Das Bühnenbild ist minimalistisch. Und Kalkbrenners Musik ist es ebenso. Ein fast morphisierender Sound, der kaum mit dramatischen Bass-Kaskaden spielt und dennoch in seinen Bann zu ziehen vermag. Vorn feiern sie den Musiker von Beginn an wie einen Gott, in den hinteren Reihen ist es lange etwas ruhiger. Bei seinem Geniestreich „Sky and Sand“ feiert dann aber das ganze Festival. Und man fragt sich fast automatisch, warum nur hat das Berlin Festival für diese wundervolle Athmosphäre drei Anläufe gebraucht? 

Das war der erste Tag beim Berlin Festival 2012

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