Konzerte & Party

Berlin Music Week 2013: Die Stadt als Muse

Big Skies

Wenn Jim Cubitt an seine Ankunft in Berlin zurückdenkt, erinnert er sich vor allem an die intensive Kälte. Es war der scharfe Winter 2011 mit Minusgraden im zweistelligen Bereich, als Cubitt und seine Musikerfreunde Jack Wharton und Adam Neal, allesamt aus der Shakespeare-Stadt Stratford upon Avon, ihren zwischenzeitlichen Aufenthaltsort London gegen die deutsche Hauptstadt eintauschten. Drei Monate lang sollte die Exkursion ursprünglich dauern. Doch inzwischen sind bald zwei Jahre daraus geworden. „London ist eine sehr schnelllebige Stadt. Vieles läuft nach dem „dog eat dog“-Prinzip, der Wettbewerb ist riesig. Das hat uns auf Dauer müde gemacht und gleichzeitig rastlos“, sagt der Bandkopf von Big Skies. „Uns ging es damals allen ähnlich, wir brauchten dringend Veränderung!“.

Big SkiesAuf Berlin kamen sie, weil Gitarrist Jack Wharton und Bassmann Adam Neal dort schon öfter zu tun hatten. „Sie kamen gerade von einem DJ-Set in Berlin zurück, das war zu einer Zeit, als gerade unsere Mietverträge ausliefen. Wir saßen also zusammen im Pub und die beiden meinten: Berlin ist fantastisch, lasst uns hinziehen und sehen, wie es läuft.“ Nun hatte sich Cubitts alte Band gerade aufgelöst, viel zu verlieren hatte er nicht, und bald fanden sich die Briten zu dritt in einem WG-Zimmer in Kreuzberg wieder. Inzwischen hat sich Wharton in Prenzlauer Berg niedergelassen, Basser Neal lebt im Wedding, während Cubitt seine Zeit zwischen Berlin und London aufteilt. Vierter im Bunde der Britrocker ist der kanadische Schlagzeuger Alex Cumming, der im Frühjahr per Anzeige zur Band fand. „Er hatte eine ähnliche Story zu erzählen wie wir. Er war nach Berlin gezogen, um zu sehen, wie es musikalisch für ihn weitergeht.“ Mit dem jazzgeschulten Cumming stimmte die Chemie sofort. Im Bandproberaum im sechsten Stockwerk eines ehemaligen Bürogebäudes in Lichtenberg fanden sich Big Skies schnell in einem kreativen Höhenflug – mit bestem Ausblick auf die Stadt.

Big SkiesDer melodiepralle Stil, den Big Skies in Songs wie der Single „Come Up And Feel It“ anschlagen, erinnert an den dickflüssig strömenden Britpop der Stone Roses oder The Verve. Gitarren baden in psychedelischem Hall, der Pulsschlag ist gedämpft, was gut harmoniert mit Cubitts ausgeruhtem Rock’n’Roll-Bariton. Noch sind Big Skies ohne Plattenvertrag; ihre selbstbetitelte Debüt-EP bringt die Band dieser Tage auf eigene Faust heraus. „Wenn ein Label hinzukommt, ist das gut. Wir haben aber auch jetzt schon ein tolles Team zusammen und es fühlt sich bisher sehr stimmig und organisch an, alles selbst zu machen“, sagt Cubitt mit leisem Stolz. Einen „strengen Karriereplan“ gebe es in dem Sinne nicht. „Was aber nicht heißt, dass wir wenig tun“, betont der schlaksige Sänger mit der Beatnik-Matte, der mit seinen Bandkollegen nebenbei noch als Gastgeber der spaßigen „Rock’n’Roll-Bingo“-Nächte im White Trash Fast Food agiert: ein Export aus London, wo Freunde etwas Ähnliches konzipiert haben. „Wir haben die Idee dem White Trash angetragen, ziemlich bald nach unserer Ankunft, und gesagt: Gebt uns eine Chance, das könnte für alle ein toller Abend werden.“ Zweimal pro Monat moderiert Cubitt den schwer aufgepeppten Spieleklassiker für Rentner, bei dem es Restaurant-Gutscheine und CDs zu gewinnen gibt.

Gegen das geläufige Vorurteil, dass Künstler in Berlin aufgrund der günstigen Lebenskosten weniger produktiv sind als in anderen Großstädten, hat der Songschreiber Einwände. „Die Stimmung in Berlin, was die Stadt einem ständig bietet, war genau das, was wir uns gewünscht haben! Ich finde es wichtig, Zeit zu haben, um darüber nachzudenken, was man tun will. Diese Möglichkeit hast du in London nicht. Musik zu machen sollte immer Spaß machen, nur dann gefällt sie auch anderen. Wenn es aufhört, Spaß zu machen, läuft etwas falsch.“ Den bisherigen Gigs von Big Skies, darunter Support-Auftritte für Palma Violets und Miles Kane, ist die gebündelte Euphorie der Band anzumerken. Die Aufnahmen eines Debütalbums sind ebenfalls angepeilt: Im kalten Winter soll es ins Studio gehen. Bis dahin sind noch ein paar Monate und Bingo-Nächte Zeit. Für Hektik gibt es auch wirklich keinen Grund.

Text: Ulrike Rechel

Foto ganz oben: Erik Weiss

Big Skies Privatclub, Sa 14.9., 20 Uhr, ?VVK: 8 Ђ zzgl. Gebühr

Rock’n’Roll-Bingo + Aftershow-Party mit Adam Neal (DJ)? White Trash Fast Food, Mi 4.9., 20 Uhr, ?AK: 3Ђ

ÜBERBLICK: ALLES WISSENSWERTE RUND UM DIE BERLIN MUSIC WEEK 2013 

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