Konzerte & Party

Berlin Music Days 2013

bermudaWas für ein wahnsinnig guter Produzent Stacey Pullen doch immer noch ist! Allein für das fix und fertig machende Bläser-Loop in seiner Single „Circus Act“ aus dem Vorjahr hat sich der Vorausdenker des Techno mal wieder jeden Ehrenpreis verdient. Er tritt dort auf, wo man Detroiter Legenden in Berlin zuerst vermutet: im Tresor. Die Großraumdisco ist einer der rund vierzig Clubs der Stadt, die zu den Anlaufpunkten der Berlin Music Days (BerMuDa) gehören. Auch das alte Punk-Mekka SO 36 öffnet seine Türen. Dort ist die Reihe „Ich bin ein Berliner“ zu Hause, die dieses Mal mit dem Auftritt von Justus Köhncke etwas Besonderes zu bieten hat. Der aus Köln stammende Produzent war mal Mitglied des House-Trios Whirlpool Productions („From Disco To Disco“).

Seit 1999 veröffentlicht Köhncke regelmäßig eigene Preziosen auf dem renommierten Kompakt-Label. Seine nächste Veröffentlichung steht unmittelbar bevor. Mit dem ersten Gemeinschaftsprojekt The Wonderful Frequency Band denkt der sonst zu Minimalismus neigende Rheinländer in üppigeren Dimensionen. Im Ritter Butzke wird H.O.S.H. kräftig Radau machen, aber mit dem gefühlvoll operierenden Kollektiv Turmstrasse steht auch ein Korrektiv bereit. Die sonst auf der Terrasse der Neukölln Arcaden beheimateten Betreiber des Klunkerkranichs beziehen in der Fieseren Miese ein temporäres Asyl und präsentieren mit den Gebrüdern Teichmann arrivierte Unterhalter, die sich dem Techno der Gründerzeit verschrieben haben.

Über einen Mangel an Prominenz muss sich niemand beklagen. Das Watergate hat mit Tiefschwarz, M.A.N.D.Y., Ellen Allien und der DJ-Besetzung der schwedischen Band Little Dragon gleich vier Top-Acts zu bieten. Auch im Postbahnhof sind während der BerMuDa interessante Live-Auftritte und DJ-Sets angekündigt, allen voran die von Hercules And Love Affair und Kele Okereke. Der Sänger von Bloc Party kennt sich in Berlin gut aus, das weiß man seit dem Song „Kreuzberg“. Okereke ist auch ein kritischer Geist, den es bestimmt interessiert, dass die Berliner Clubkultur in einer Krise steckt. Der gute Ruf, den sie weit über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus genießt, kann nicht mehr von den Problemen ablenken, mit denen sich die Betreiber auseinandersetzen müssen.

Neue GEMA-Tarife, Verdrängung aus alten Innenstadtquartieren, die Eröffnung von immer mehr Edel-Locations ohne musikalischen Anspruch und ein ob der ständigen Fluktuation schwer berechenbares Publikum sind nur einige der Gefahrenherde. Vor diesen Dingen könne man die Augen nicht verschließen, finden die Macher der BerMuDa unter der Führung von Watergate-Chef Steffen Hack. Sie betonen daher in ihrer Presseerklärung, dass es bei diesem Festival um den ideellen Wert und nicht um den möglichst hohen Gewinn gehe. Das einst angegliederte und mit Star-Besetzung gespickte Fly-Festival am Flughafen Tempelhof gibt es nun nicht mehr. Man speckt ab und konzentriert sich aufs Wesentliche. Dazu gehört auch, dass sich Labelchefs, DJs, Musiker, Veranstalter und fachlich Interessierte tagsüber bei Konferenzen, Workshops und Lesungen treffen können. Wenn man sich den veränderten Bedingungen in der heutigen Zeit stellen will, geht das wohl nur gemeinsam.

Text: Thomas Weiland

Berlin Music Days Mi 6.11. bis So 10.11., verschiedene Orte, s. Programm unter www.bermuda-berlin.de    

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