Konzerte & Party

Berlin Music Week 2010 Überblick

Ein Branchentreff, ein Diskussions-Camp und ein Musikfestival – die Veranstalter der Berlin Music Week haben sich vom 6. bis 12. September eine Menge vorgenommen. Und allein dies darf man schon als gutes Zeichen werten. Denn blickt man ein Jahr zurück, dann bleibt in Erinnerung, dass sich die Plattenfirmen, Medien- und Messemacher angesichts beachtlicher Geschäftseinbußen noch derartig kleinmütig gaben, dass die Popkomm – ein Branchentreff, dessen Aufgabe es eigentlich hätte sein müssen, genau dieser Krise Paroli zu bieten – kurzerhand absagt wurde. Vogel-Strauß-Politik nennt man so etwas gemeinhin.  Kräfte- und Ideensammeln nannten es die Betreiber der Popkomm.

Dafür steckte die Messe Berlin viel Häme ein und hatte zusätzlich darunter zu leiden, dass Dieter Gorny, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands der Phonographischen Wirtschaft, diese Absage zu einer Generalattacke gegen illegale Downloads instrumentalisierte. Hinzu kamen die Eifersuchtsanfälle aus dem Rheinland, von wo man den Standortwechsel der Musikmesse von Köln nach Berlin im Jahr 2004 und auch ihre weitere Entwicklung – aus nachvollziehbaren wirtschaftlichen Gründen – bis heute verbissen kommentiert.  
Nun aber hat die Messe Berlin wirklich Wort gehalten – die Popkomm kehrt zurück. Offensichtlich um ein paar wichtige Erkenntnisse reicher und auch mit einer gewissen Demut, denn in diesem Jahr präsentiert man sich mit wichtigen Verbündeten: Unter dem Dach der Berlin Music Week gibt es erstmals einen Zusammenschluss verschiedener Festivals, der gleichsam Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Musikbranche abbildet.

Die Vergangenheit, das ahnt man schon, stellen die auf der Popkomm vertretenen Plattenfirmen und Unternehmen der Unterhaltungsindustrie dar, die nach wie vor händeringend nach neuen Vermarktungsstrategien und neuen Formaten suchen, um im digitalisierten Zeitalter musikbezogene Waren anbieten zu können, für die Konsumenten auch bereit sind etwas zu zahlen. Ebenso – und auch daran krankt es ja derzeit – suchen sie nach Möglichkeiten, neue Trends und neue Künstler zu entdecken oder notfalls auch selbst zu kreieren, denn es mangelt längst an großen Stars, mit denen sich noch wirklich Kasse machen lässt. Neben dem merkantilen Glücksgriff Lady Gaga sichern derzeit mit U2, Take That, Stones oder Madonna vorwiegend Künstler des letzten Jahrhunderts die Umsätze – rein biologisch kann dieser Rückhalt nicht mehr von langer Dauer sein.

Die Zahlen, die Popkomm-Direktor Daniel Barkowski nun kurz vor Beginn der Berlin Music Week vorlegte, sollen ermutigen: die Popkomm 2010 ist von Ausstellerseite her bereits ausgebucht. Ein schöner Erfolg, musste die Messe doch nach ihrem Hoch während des Techno-Booms Mitte der 90er-Jahre analog zum Umsatzverfall der Musikindustrie immer mehr abspecken. Der Umzug von Köln nach Berlin 2004 konnte davon nur kurz ablenken. Zunächst half noch der Standortvorteil, dann aber schlug die Krise im Musikgeschäft auch mit aller Brutalität auf dem Hallenboden unter dem Funkturm auf. Immer mehr Unternehmen sparten sich die Reise nach Berlin oder hielten ihre Geschäfte nicht auf der Messe, sondern gleich im Hotel oder auf eigenen Veranstaltungen ab. Gehadert wurde nicht zuletzt auch mit der Entfernung, die man von den Messehallen bis zum Konzertzentrum in der Kulturbrauerei zurücklegen musste, um sich abends die beworbenen Bands anzusehen. Berlins Größe erwies sich als unübersichtlich und unbequem. Dem trägt die Popkomm nun Rechnung, indem man als neuen Standort mit dem Flughafen Tempelhof aufwartet, wo nicht nur gehandelt, sondern eben auch gerockt wird – zum Abschluss am 10. September sogar mit einem Publikumstag. Nebenher auch ein Beleg dafür, wie der Standort Zentralflughafen durch Bread & Butter, Musikmesse und Mega-Raves dauerhaft mit Leben gefüllt wird. Einräumen müssen die Veranstalter allerdings, dass man diesmal schon vorab mit weit weniger Veranstaltern geplant hat, um das selbst gesteckte Ziel zu erreichen. 2008 waren es 870 Aussteller, nun hatte man sich vorab schon auf rund die Hälfte eingerichtet.

Kommen wir zur Gegenwart, und dies ist das größte Pfund, mit dem unsere Stadt derzeit wuchern kann: Das Berlin Festival und die Clubnacht erweisen sich als Hauptdarsteller, ohne die ein Musikgeschäft gar nicht möglich wäre: Die rund 60 Bands und Künstler, die am 10. und 11. September auf den Konzertbühnen im Flughafen Tempelhof auftreten werden, und die 44 Clubs der Stadt, die am 11. September zeigen, wie 365 Tage im Jahr Musiker und Musik ihr Publikum finden und wo neben den Berlinern mehr noch ein nicht abreißender Strom von Touristen die Nacht zum Tag macht. Man kann nur hoffen, dass die Geschäftsleute, die tagsüber ihre Gewinnmargen und Vertriebsdeals im Flughafen Tempelhof aushandeln, am Abend auch noch genug Kraft haben werden, sich ins Nachtleben zu stürzen.

Kommen wir zur Zukunft der Musikbranche, von der bereits im letzten Jahr ein wenig zu erkennen war, als die Popkomm kurzerhand abgesagt wurde, aber binnen weniger Stunden findige Köpfe in die Bresche sprangen und auf die Sprach- und Ideenlosigkeit der Geschäftemacher mit einer eigenen Veranstaltung – all2gehternow – reagierten. Es ist nicht so sehr das zahlenmäßige Ergebnis dieser ersten Diskussions-Messe, das beeindruckt – immerhin hatte man 1000 Teilnehmer an drei Tagen nach Berlin gelockt, die ohne großen Komfort und Glamour über eben jene Probleme und Zukunftsängste diskutierten, die die Popkomm zum Aufgeben gezwungen hatten. Beeindruckend war vielmehr, wie das Musicbiz 2.0 sich als gemeinsame Anstrengung vieler kleiner Teilnehmer zu einem größeren Ganzen erhob und sich auch nicht damit begnügte, die Altvorderen zu kritisieren, sondern hart an Lösungen arbeitete. Womit all2gethernow nun nicht mehr nur als außenstehende Alternative, sondern als Think-Tank der Berlin Music Week fungieren kann.
Und dies ist neben dem Stimmungswechsel bei den Messemachern ein weiteres Verdienst, das die Berlin Music Week schon vorab verbuchen kann: Sie hat Kopf, Bauch und Börse des Musikgeschäfts davon überzeugt, dass man nur gemeinsam etwas erreichen kann. Nun müssen die Menschen nur noch ausreichend Notiz von der Berlin Music Week nehmen.   

Text: Hagen Liebing
Fotos: Martin Zeising

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POPKOMM FASHION DAY AM 9.9.

Beim Berlin-Festival  wird auch die Online-Redaktion des tip rund um die Uhr vor Ort sein. Wie war Tricky? Haben Atari Teenage Riot ordentlich gerockt? Wie geht es Edwyn Collins? Die Antworten wird es ab Freitagabend auf www.tip-berlin.de/berlinfestival2010 geben. Aktuelle Videos vom Festivalgelände, Bildergalerien, Kurzkritiken und Stimmungsberichte bringen die Atmosphäre des Mitten-in-der-Stadt-Festivals direkt auf den Bildschirm. Natürlich werden auch über twitter und facebook die Kanäle glühen.

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