Konzerte & Party

Berlin Music Week 2013: First We Take Berlin

Julia Gudzent und Björn Döring

Als Björn Döring vergangenes Jahr die Regie über die Berlin Music Week übernahm, ähnelte die Unternehmung einem Sprung ins kalte Wasser: Die Popkomm hatte endgültig die Segel gestrichen. Und für die blutjunge Nachfolgerin Berlin Music Week gab es plötzlich eine Menge Spielraum, der gefüllt werden wollte. Eine Handvoll Monate nur blieben dem neuen Programmchef, um das Branchen-event 2012 auf einen guten Kurs zu bringen. Für einige der neu konzipierten Reihen erbat sich Döring damals noch „Welpenschutz“: die Clubnacht etwa oder das internationale Showcase-Festival.

Ein Jahr später sitzt der 42-Jährige auf einem Ausflugsschiff auf der Spree, um eine Gruppe Branchenvertreter auf die nächste, insgesamt vierte Runde der Berlin Music Week einzustimmen. Im Schiffsbauch rumpeln die Elektrobässe von Kid Simius, der zwischen Synthesizer und E-Gitarre umherfedert und das Schiff mit mächtigen Clubklängen füllt. Später, als die Industriekulisse des Westhafens vorüberzieht, übernehmen Claire aus München das musikalische Ruder. Das Quartett um Bandsirene Josie-Claire Bürkle spielt eine Art Dance Pop, der so klingt, als werde man ihn schon bald wiederhören: im Radio, im Kino, vielleicht beim Shoppen in Mitte.

ClaireFür die beiden Newcomer ist der Gig im Unterdeck ein Testlauf. Während der Berlin Music Week treten sie während des neuen Showcase-Festivals „First We Take Berlin“ auf: An zwei Tagen werden rund 80 handverlesene Bands die Bühnen von Clubs wie Lido, Comet und Magnet bespielen, zum Kampfpreis von 15 Euro. Neu daran ist, dass kräftig an der Qualität des Line-ups nachgebessert wurde. Der Wunsch ist, das Newcomer-Fest zu jenem Kernstück der Musikwoche zu machen, das dem Branchentreffen ein unverkennbares Profil verleiht. Etwas, das dem Music-Week-Vorgänger Popkomm immer gefehlt hatte. Schon im Vorjahr gingen Showcases über die Bühnen des neuen Zentrums der Musikwoche im Wrangelkiez – ein Schritt mitten hinein ins agilste Nachtleben- und Kreativviertel der Stadt. „So ein Festival macht nur Sinn, wenn man die etablierten Clubs mit einbezieht„, findet der Programmleiter. Ungern erinnert er sich an qualitativ fragwürdige Showcases, die nach Herkunftsländern sortiert über die Bühne gingen, „mit irgendeiner obskuren Metalband, die nur vor dem Roadie aufgetreten ist. Nichts gegen die Kulturbrauerei oder die Popkomm: Aber das hat niemanden bewegt!“

Die Konzentration der Konzerte auf den Szenekiez sei der richtige Schritt gewesen. „Das war ein ganz netter Start“, sagt er. In vielen Clubs sei es voll gewesen, in anderen aber blieb es ruhig. Das soll sich ändern. „Das Festival braucht eine starke kuratorische Handschrift.“ Auf der Suche nach geeigneten Bookern bewarben sich alte Bekannte: die Melt!-Booking-Agentur, die seit 2012 auch erfolgreich das Programm des Berlin Festivals macht und in diesem Jahr Stars wie Björk, Blur und die Pet Shop Boys nach Tempelhof holt. Auf die für das progressive Melt!-Festival typische Entdeckerlust des Publikums setzt auch das neue Showcase-Festival. So finden sich bei der Erstausgabe von „First We Take Berlin“ neben Empfehlungen der verschiedenen Exportbüros der Länder auch Neulinge, die bereits Wellen in der Blogwelt schlagen, etwa die 17-jährige Britin Chlöe Howl. Daneben finden sich auch ziemlich bekannte Namen wie MC Fitti, der den Berliner Sommer mit Hits wie „Schöne Mädchen“ beschallte.

Kid SimiusLondon Grammar wiederum haben in England bereits einen stattlichen Hype im Rücken. Die Band erinnert mit ihrem verdunkelten Synth-Pop und der schönen ernsten Stimme von Sängerin Hannah Reid an Bands wie Everything But The Girl oder auch The XX; das bald erscheinende Debütalbum wird in England schon heiß erwartet. Vielversprechend ist auch das Gastspiel von Bipolar Sunshine. Der mit HipHop sozialisierte Nordengländer verzwirbelt Beats und Reime mit einem eklektischen Pop-Klangbild und lakonischem Erzählton. Von einem Solodebüt ist im Moment noch nicht die Rede: Der 29-Jährige geht seine Karriere zunächst mit der Veröffentlichung von EPs an und dem Aufbau des eigenen Labels.

Bipolar Sunshine steht für eine junge Generation, die der traditionellen Karriereplanung lieber eigene Strategien entgegensetzt: von der Crowdfunding-Kampagne über den Hit, der sich im Internet seinen Weg durch die sozialen Netzwerke bahnt, bis zur spaßigen Video-Kampagne oder aber zum unermüdlichen Live-Spielen. Ein weiterer Karrierebeschleuniger kann der Slot auf einem Festival oder einer Musikmesse sein. Ein Gig auf einer hippen Veranstaltung wie der Musikmesse South by Southwest in Austin etwa gilt als heiße Empfehlung. Wenn alles läuft wie geplant, wird auch das „First We Take Berlin“-Festival den Ruf als Trendplattform entwickeln, als Pflichttermin für Labels, Festivalmacher und andere Talentsucher. Günstig ist schon mal der Termin am Ende des Festivalsommers. „Festivals werden immer früher gebucht, und so bestehen die besten Chancen, dass Bands, die sich bei uns vorstellen, für die Festivals im nächsten Sommer eingeplant werden“, sagt Julia Gudzent. Bei Künstlern wie Chlöe Howl etwa hat Gudzent keinen Zweifel, dass man 2014 noch viel von ihnen hören wird. Da verlässt sich Gudzent auf ihr „Bauchgefühl“. Wer so lang nicht abwarten will, kann die Prognose dieser Tage selbst überprüfen  – und sich als Entdecker fühlen.

Text: Ulrike Rechel

Fotos: Oliver Wolff

First We Take Berlin mit London Grammar, Bipolar Sunshine, Claire, Chlöe Howl, MC Fitti, OK KID, NYPC, Die Orsons, u.v.a.?, Mi 4.?+?Do 5.9., verschiedene Orte und Zeiten, VVK: 15 Euro (gratis für Berlin-Festival-Ticketinhaber) www.firstwetakeberlin.de

ÜBERBLICK: ALLES WISSENSWERTE RUND UM DIE BERLIN MUSIC WEEK 2013 

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