Konzerte & Party

Berlin Music Week: Die Echtzeitmusiktage in Berlin

Sven Ake Johansson

Eine Szene – zwei Begriffe. Was die einen in Berlin unter Jazz verstehen, ist für andere Echtzeitmusik. Dieser Dualismus hat Geschichte. Einst war Berlin eine blühende Jazzstadt. Doch so paradox es klingt, die Szene profitierte von der Teilung. Im Westen war man auf den Osten neugierig und umgekehrt. Dann kam die Wende und zwei goldene Töpfe verwandelten sich in einen Pappkarton. Aus Partnern wurden Konkurrenten, Neugier verkehrte sich in Abgrenzung. Diese Situation schreckte viele junge Musiker ab.
Seit kurzem ist nun wieder Bewegung in der Szene. Statt öffentlicher Mittel lockt die Stadt mit einer einzigartigen Infrastruktur und unschlagbar niedrigen Lebenshaltungskosten. Aus zwei mittelmäßigen Hochschulen ist mit dem Jazzinstitut Berlin eine exzellente Talentschmiede hervorgegangen, die Toplehrer und Studenten aus der ganzen Welt anzieht. Die Plattform Jazzwerkstatt gibt Musikern mit Label, Workshops und Festivals Gelegenheit, sich im In- und Ausland zu profilieren. Andere Plattenfirmen wie Traumton und Intakt bilden erfolgreich verschiedene Segmente dieser Szene ab. Vor allem aber hat sich der Berliner Jazz selbst geöffnet. Es gibt nicht mehr jene Gräben zwischen Avantgarde und Tradition, Free und Konvention und schon gar nicht mehr zwischen Ost und West. Berlin ist ein brummender Bienenstock mit tausend Hörnern, Gitarren, Pauken, Turntables und Labtops, an dessen Honig sich mittlerweile Jazzgourmets aller Herren Länder laben.
Hyperactive KidWas der Stadt bislang fehlte, war ein Festival, das all diese Entwicklungen abbildet. Die ersten Berliner Echtzeitmusiktage wollen diese Lücke nun schließen.
Doch wozu immer noch dieses trennende Motto der Echtzeitmusik? Der künstlerische Leiter Ignaz Schick leitet es historisch her. „Als sich Mitte der Neunzigerjahre in Berlin eine neue Generation von frei improvisierenden Musikern niederließ, stellte sich die Frage, was uns von der Generation vor uns absetzt. Ein Begriff musste her. Der Gitarrist Olaf Rupp schlug Echtzeitmusik vor. Wir setzten uns zwar mit den vorhandenen Sprachen der Stadt auseinander, aber es gab auch einen starken Einfluss aus New York. Auf dem Festival geht es um keine bestimmte Richtung, sondern um das ganze Spektrum dieser Szene. Die meisten Künstler sehen sich in der Tradition der klassischen Improvisation, setzen aber formal und materialtechnisch andere Akzente und gehen an bestehende Fragen mit einem jüngeren Berliner Blick heran.“
Schicks Standpunkte klingen viel dogmatischer, als sie sich im Programm abzeichnen. Die Zeit der Abgrenzung ist auch für den Echtzeit-Zirkel vorbei. So tummeln sich auf dem Festival neben Protagonisten der jüngeren Berliner Jazzszene wie Axel Dörner, Rudi Mahall, Olaf Rupp, Christoph Kurzmann oder Tony Buck auch Vorkämpfer aus den Sechzigern wie der Schlagzeuger Paul Lovens oder der Konzeptkünstler Sven Ake Johansson (Foto oben). Die Stärke der Berliner Jazz-Community besteht ja gerade darin, dass sie sich nicht mehr über einen bestimmten Sound, eine Generation oder ein Bekenntnis definiert. Vor wenigen Jahren wäre es noch undenkbar gewesen, dass ein Musiker wie Drummer Christian Lillinger gleichzeitig mit Hyperactive Kid (Bild links) in der populärsten Avantgarde-Band der Stadt und im Quartett des altvorderen Charmeurs Rolf Kühn spielt. Heute hinterfragt das niemand mehr. Die Grenzen zwischen klassischer Jazzauffassung, traditionell oder modern, und Idiomen wie Rock, HipHop, Noise, Electronic und den zahlreichen ethnischen Musikkulturen der Hauptstadt sind längst fließend. Viele Berliner Musiker haben zudem nur einen Koffer an der Spree und tragen den Spirit des Iganz SchickBerliner Jazz in die Welt hinaus, wie Saxofonist Daniel Erdmann, der zur Zeit international mit seiner deutsch-französischen Band Das Kapital Furore macht. „Immer mehr Musiker kommen nach Berlin“, ruft er begeistert aus. „Das sind Leute, die sich nicht mehr auf diesen kleinen Kreis festlegen wollen. Berlin genießt plötzlich überall einen unglaublich guten Ruf. Wenn man in London, Paris oder New York mit Musikern spricht, reden alle positiv von Berlin. Von daher ist es nur natürlich, dass Berlin zur Jazzmetropole Europas wird.“
Ignaz Schick (Foto rechts) spricht von einem Sog der Internationalität, der eine große Offenheit zur Folge hat. „Ich verliere selbst langsam den Überblick. Früher haben wir uns immer an New York orientiert, aber mittlerweile scheint hier viel mehr zu passieren.“

Text: Wolf Kampmann

Foto ganz oben: Siegfried Martin

Echtzeitmusiktage, 8.?–?30. 9., Sophiensaele, Festsaal Kreuzberg, Elisabethkirche, Ausland, Naher Osten; AK: 5?–?13 Euro

Informationen zum Program: Echtzeitmusiktage 2010

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