Konzerte & Party

Berliner Erfolgsgeschichten

Büro Native InstrumentsBerlin gilt als Stadt der Soft Skills und des ziellosen Flanierens. Es gibt kaum Fabriken, nur ein fein gewebtes Netz aus zahllosen Agenturen, in denen weder gelötet noch genäht wird. Die Stadt ist vielmehr ein Paradies für Trendscouts. In dieses Bild passen Firmen wie Native Instruments und Ableton nicht, sie dominieren von Berlin aus tatsächlich den Markt für Software zur Musikproduktion auf der ganzen Welt.

Native Instruments beschäftigt in Berlin und Los Angeles 150 Leute, Ableton 100 in Berlin und New York, Ableton hat 2007 acht Millionen Euro umgesetzt, Native veröffentlicht keine Umsatzzahlen. Dabei ist die Produktentwicklung vor Ort in den Fabrikhöfen in der Schlesischen Straße in Kreuzberg bzw. in der Schönhauser Allee in Mitte und die Unabhängigkeit von Großkonzernen wie Apple oder Yamaha maßgeblich.

Ihre besondere Dynamik entwickeln die Firmen aus dem intensiven Kontakt zu den Musikern, die die Programme benutzen. Ableton wurde von dem Technomusiker Gerhard Behles (früher Monolake) gegründet, bei Native Instruments ist der frühere Techno-DJ und VIVA-Moderator Mate Galic Produktdesigner. Abletons ProductionManagerin Claudia Weidner erklärt: „Die Wünsche des Musikers stehen im Zentrum. Sie bestimmen, welche neuen Funktionen in das Programm eingebaut werden.“


Beide Unternehmen wurden in der zweiten Hälfte der 90er Jahre gegründet. Damals war es eine reine Fantasie, dass ein normaler Computer als extrem leistungsfähiges und einfach zu bedienendes Musikinstrument funktionieren kann – mittlerweile ist der Computer für viele Musiker das wichtigste Produktionsmittel. Durch die von NI und Ableton entwickelten Computerprogramme explodierte das für die Musiker verfügbare Klanguniversum.

Früher konnte ein einzelner Synthesizer mehrere 1000 Euro kosten, die entsprechende, viel variablere und handhabbarere Software-Version von Native Instruments kostet einen Bruchteil. Mit dem NI-Programm-Reaktor können sogar eigene Synthesizer entworfen werden. Im Internet bieten die Nutzer Tausende solcher Synthesizer-Kreationen an. Zugleich wurde die Verarbeitung der Klänge einfacher und komfortabler: Ableton Live kann man als einen für Musiker optimierten iPod beschreiben, in dem eine riesige Klangbibliothek verwaltet wird. Alle Klangbausteine können bearbeitet, zu fertigen Songs montiert und „live“ arrangiert werden. Was früher in stundenlanger Schnipselarbeit vorbereitet werden musste, kann jetzt ad hoc auf der Bühne stattfinden. Native Instruments’ DJ-Software Traktor macht gigantische MP3-Archive für den DJ verfügbar und ermöglicht einen flexibleren, schöpferischen Umgang mit der Musik als Vinyl-Schallplatten oder CDs. Durch all diese Programme demokratisiert sich die Musikproduktion radikal: Was früher nur einer Elite in teuren Spezialstudios zugänglich war, steht jetzt jedem PC-Benutzer zur Verfügung.


Heute fragt man sich, warum gerade den Berlinern der lange Weg zur erfolgreichen Firma gelungen ist. Offenbar kam die richtige Mischung aus Nerds, Musikfreaks und Entrepreneuren zusammen. Mate Galic erinnert sich: „Wir waren eine heterogene Meute, die alle eine gemeinsame Vision von Technologie, Produkten und Markt hatten, aber ganz unterschiedliche Skills mitgebracht haben.“ Damals stammte der größte Teil der Musiktechnologie aus Japan, und es gab fast keinen Rückkanal, der zwischen den Bedürfnissen der Musiker und den Herstellern vermittelte. Da war es extrem anstachelnd, die Dinge auf einer neuen technologischen Basis selbst in die Hand zu nehmen. Den Kreis von Entwicklung und Nutzung zu schließen war offenbar nur an einem Ort wie Berlin möglich, wo sich das künstlerische und das technologische Interesse an der Musik überschnitt.


Während Native Instruments ständig neue computerbasierte Synthesizer entwickelt und sich etwa mit der Gitarrensoftware Guitar Rig neue Märkte erschließt, konzentriert sich Ableton mit der Arbeitsumgebung Live auf ein einziges Produkt. Weidner: „Schon lange benutzen Live auch Komponisten und Gitarristen, auch im Theater und im Filmbereich wird die Software eingesetzt.“ Am innovationsfeindlichsten sind neben den Gitarristen überraschenderweise die DJs. Galic: „Es war krass, zu erleben, wie lange die DJs gebraucht haben, bis sie die Software angenommen haben.“ Auch in den USA werden die Produkte mittlerweile intensiv genutzt. Trotz des internationalen Erfolgs bleibt Berlin als Ort wichtig. Die Entwicklung der Produkte über die ganze Welt zu verteilen ist für beide Firmen keine Option. Galic: „Es ist effizienter und inspirierender, wenn die Entwickler im gleichen Haus sind. Berlin und der Musikbezug macht Native Instruments zu etwas anderem als einem typischen Multimedia-Unternehmen. Wir hinterlassen Spuren.“

Text: Alexis Waltz

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