Konzerte & Party

Bill Callahan im Heimathafen Neukölln

Bill Callahan

„In the hotel bar, looking out a window that isn’t there/ Looking at the carpet and the chairs/ The only words I’ve said today are beer and thank you/ Beer …/ Thank you/ Beer …/ Thank you/ Beer …“
Mit solchen Sätzen verkauft man in Berlin also Heimathäfen aus. Vermutlich, weil sonst für Einsamkeit so wenig Platz ist in dieser verdichteten Großstadt. Zumindest als physische Erfahrung. Was die Sache mit der Einsamkeit, nebenbei bemerkt, letztlich auch nicht einfacher macht. Aber dafür gibt es ja – spätestens seit Hank Williams’ „I’m so lonesome i could cry“ – den Singer/Songwriter. Bill Callahan, der Mann mit dem Lied über den zu keiner Handlung mehr fähigen Handlungsreisenden an der fensterlosen Hotelbar, ist einer von ihnen.
Nur dass Callahan auf seinen ausgedehnten (Konzert-)Reisen immer aufmerksam aus dem Fenster guckt. Lauert da nicht eine Geschichte hinter dem nächsten Busch oder eben in der nächsten Bar. Während Williams bekanntermaßen auf der Rückbank seines Cadillacs gestorben ist. Auf der Fahrt von einem Auftritt zum nächsten.
So klar also der Blick dieses 1966 in Silver Spring/Maryland geborenen Callahan, so vernebelt war anfangs der Name des Künstlers. Als Smog sang er seit den späten Achtzigerjahren skelettierte Songskizzen in sein Vierspurgerät und bald darauf auch auf Schallplatten. „LoFi“ hieß die Schublade, in die so was damals gesteckt wurde. Post-Country-Weirdo Will Oldham (Bonnie Prince Billy) oder die damals  noch so entrückte Chan Marshall (Cat Power) wurden zu Weggefährten, Brüder und Schwestern im Klang und mehr noch in der Haltung.
Bill Callahan: Dream RiverGerade als sich Grunge darangemacht hatte, aus den Garagen in die Footballstadien umzuziehen, konterte Gallahan diese vermeintliche Alternativlosigkeit des sogenannten Alternative Rock mit einem leisen, lakonischen und, ja, auch listigen Blick auf die Welt und ihre Musik. Auf Pearl Jams pathetisches „I’m still alive“ antwortete er später mit einem „Dress sexy at my funeral“.
Im Nebel von Smog verlor sich jede Spur eines authentischen Erzählers. Gemeinsam mit Steve Malkmus von Pavement hat Bill Callahan den immer hemdsärmeligen Ethos US-amerikanischer Gitarrenmusik um eine postmoderne Ironiefähigkeit erweitert. „Dongs of Sevotion“ heißt in diesem Sinne das vielleicht schönste, damals bereits schon achte Smog-Album aus dem Jahr 2000. „Songs of Devotion“ sollen besser andere singen.
Nur: Wäre das bereits alles gewesen, wäre das Wiedersehen mit Bill Callahan im bereits ausverkauften Heimathafen Neukölln kaum mehr als ein Klassentreffen der Generation Karohemd. Um unter die Retro-Phänomene eingeordnet zu werden, war Callahan aber schon immer zu sehr aus der Zeit gefallen. Und so wie man ihm heute seine 47 Jahre nicht abnehmen mag, wirkte er umgekehrt schon am Beginn seiner Karriere nie wirklich jung und schon gar nicht unbedarft. Verweise auf Leonard Cohen drängen sich auf, auch weil bei Callahan wie Cohen der ungefilterte Minimalismus des Frühwerks bald um eine nie angstrengte  Eleganz erweitert wurde.
Als sich der Nebel endgültig gelichtet hatte – seit vier Alben und sieben Jahren veröffentlicht Bill Callahan unter seinem bürgerlichen Namen – war aus den beiden Akkorden ganz früher Smog-Songs endgültig eine Lust am leisen Rausch des Arrangements geworden. Countryesk klang das auf „Apokalypse“ aus dem Jahr 2011, Reminiszenz und Reflektion einer Jugend. Der Vater, mehr als nur gerüchteweise Sprachanalyst im Dienste der NSA, hatte so gerne Willie Nelson gehört. Auf „Dream River“ nun öffnet eine Flöte die Schwingtür zwischen Jazz und Soul, klopfen Congas einen Bossa Nova durch eine weite, wilde Landschaft, während Callahan selbst in Interviews schon mal die radikale Unmittelbarkeit der Pop-Produktionen eines Phil Spector rühmt.    
So weit aber würde Bill Callahan nicht gehen. Seine Songs bleiben bei all ihrer neuerlichen Euphorie eben immer nur Ableitungen eines Hits. Mit Eindeutigkeiten nämlich, so hat er es einmal gesagt, könne er einfach nichts anfangen.

Text: Clemens Niedenthal

Foto: Hanly Banks

Bill Callahan, Heimathafen Neukölln, Sa 15.2., 21 Uhr, ausverkauft

Bill Callahan: „Dream River“ (Drag City / Rough Trade)

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