Konzerte & Party

Billy Childish-Wochenende in Berlin

Billy ChildishAndere fallen irgendwann um. Werden schwach, erliegen dem Reiz des schnöden Mammons, gehen unvorteilhafte Allianzen ein oder machen sonst irgendwelche Dummheiten, die sie später bereuen. Nur Billy Childish stemmt sich mannhaft gegen Ausverkauf und Kommerzialisierung des Kulturbetriebs. Und das nicht erst seit gestern. Vor 30 Jahren debütierte er als Anführer der Band The Pop Rivets, die ihr erstes Album nur dank eines Freundes finanzieren konnte, der gerade eine Rückzahlung von der Sozialversicherung erhalten hatte. „Greatest Hits“ wurde im Wohnzimmer eines Bungalows aufgenommen und hatte mehr mit Punk zu tun als das, was vergleichbare Bands zur selben Zeit ausheck­ten. Bloß eine Verlegenheitslösung, eine Marotte gar? Mitnichten. An der Einstellung zu den Dingen, an der Selfmade-Attitüde und der Lust auf Lo-Fi hat sich nie etwas geändert. Das musste zuletzt zum Beispiel der gefeierte Songschreiber Pete Molinari erfahren, dessen Erstling bei Childish zu Hause in der Küche entstand. Aufnahmegerät: eine alte Revox-Tonbandmaschine. „Ich möchte, dass sich jedes Album wie das erste anhört, das man gemacht hat. Ich bin nicht daran interessiert, eine Entwicklung durchzumachen, ich misstraue der Evolution“, wird der Do-it-yourself-Fanatiker in einem Interview zitiert, das auf seiner Website zu lesen ist.
Childish wurde 1959 als Steven Hamper in der Hafenstadt Chatham am Ufer des Medway-Flusses vor den Toren Londons geboren. Seine Kindheit war alles andere als glücklich. In seinem Roman „My Fault“ erzählt er von einem gewalttätigen Vater und sexueller Misshandlung. In der Schu­le wurde er wegen seiner Legasthenie ständig gehänselt. Seinen ersten und bisher einzigen Job als Steinmetz beendete er durch Selbstverletzung per Schlag auf die Hand mit einem Hammer. Childish wollte Musiker sein, obwohl er in der Schule als unmusikalisch eingestuft wurde. Er wollte Schriftsteller sein, trotz seiner Legasthenie. Er wollte malen, und das erst recht, nachdem man ihm den Zutritt zu einer Kunstschule verwehrt hatte. Mittlerweile gibt es ungefähr 100 Alben, an denen er aktiv beteiligt war, mehrere Dutzend Romane und Gedichtbände und Tausende von Zeichnungen. Hohe künstlerische Produktivität wies Childish den Weg, um mit der eigenen Vergangenheit, all den Schwächen, Limitiertheiten, Kränkungen und Schmerzen fertig zu werden. Im Gegensatz zu seinem amerikanischen Pendant Daniel Johnston, der immer wieder Aussetzer hatte, war die Beschäftigungstherapie bei dem Briten erfolgreich – nicht zuletzt deshalb, weil er wunde Punkte immer wieder gnadenlos autobiografisch thematisierte. Er hat Songs geschrieben, die „(I Don’t Like) The Man I Am“, „Paedophile“ oder „The Day I Beat My Father Up“ heißen. Ende der 90er Jahre rief er eine Kunstbewegung namens Stuckists ins Leben. Der Name spielt auf einen despektierlichen Ausspruch seiner Ex-Freundin Tracey Emin an – die Britart-Künstlerin hatte öffent­lich darüber gelästert, wie festgefahren (engl. stuck) Childish sei. Die Dame irrte.

Lesen Sie den kompletten Artikel in tip 11/09 auf den Seiten 72-73. 

Text: Thomas Weiland

Billy Childish & The Musicians of the British Empire, Festsaal Kreuzberg, Sa 23.5., 22 Uhr, VVK: 12 Euro

Billy Childish & The Chatham Singers, Monarch, So 24.5., 21 Uhr, VVK: 8 Euro, Kombiticket: 18 Euro

Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

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