Konzerte & Party

Bin jung und cool – suche Kontakt!

Mix-Tapes und CDsFreitagnacht, anstehen in der Schlange vom HBC Club. Eine TV-Reporterin spricht zwei Mäd­chen an: „Habt ihr extra eine CD gemacht für die Party?“ „Ja“, wird geantwortet und „Nee“ – man möchte nicht ins Fernsehen. Die Reporterin, sie erinnert mit dem Minirock und Overkneestiefeln ein bisschen an Julia Roberts in „Pretty Woman“, hat es heute nicht leicht.
Vorm Eingang warten Leute mit Nerd-Brillen, Achtziger-Jahre-Frisuren oder Pelzmützen. Einige haben sich nicht nur optisch auf den Abend vorbereitet, sie haben eine Stunde oder mehr investiert, um Lieblingslieder für eine CD zusammenzustellen – ins Regional-TV will trotzdem keiner.
Im Hausblog vom Blinde Date Swingers Club bezeichnet man sich als „One of the coolest new Nights“ in der Clubszene, die Party soll als Kontaktbörse für Discokids funktionieren, über das Austauschen von Mix-CDs. Am Abend wird die mit Telefonnummer oder E-Mail-Ad­res­­se versehene CD abgegeben, und im Gegenzug erhält man eine Nummer, die irgendwo gut sichtbar angebracht werden soll. Am Ende nimmt man eine andere CD wieder mit nach Hause.
Auch ich gebe meine Musik ab, eine abgenudelte „Kraftwerk“-Kassette, und klebe mir eine 67 aufs Shirt. Das Tape landet neben dem DJ-Pult in einem großen Koffer zwischen Dutzenden CDs in bunt beklebten, teilweise skurril beschrifteten Hüllen. Ich bekomme gleich ein schlechtes Gewissen, weil sich hier eine Menge Leute offensichtlich viel Mühe gaben. Die DJ-Frau, eine asiatische SzeneBeauty mit Schleife im Haar, spielt die Mixe in Auszügen.
Die Tanzfläche füllt sich langsam, es läuft Oliver Koletzki, gefolgt von MGMT und The Gossip. Auf dem DJ-Pult wird die krakelig nummerierte Hülle ausgestellt. Jetzt könnte man losgehen und nach der Nummer im Publikum suchen, den Kontakt herstellen mit Worten wie: „Ey, ich mag Oliver Koletzki auch voll gerne!“ – muss aber nicht sein. Der CD- und Kontakt-Austausch läuft ja auf freiwilliger Basis.
Mix-CDsInzwischen ist es zwei Uhr, und ein Typ im „Abi 93“-Shirt flippt auf der Tanzfläche aus. Es wirkt, als amüsierten sich die restlichen Gäste auch ganz gut, allerdings sind in den Räumen des HBC noch Platzkapazitäten offen. „Beim letzten Mal hat’s mehr Spaß gemacht“, befinden ein paar Stammgäste, da feierte man in einer überfüllten Bar.
Immerhin ist der Hauptfloor voll, als The Toten Crackhuren im Kofferraum spielen. Ein Band­mitglied rennt mit Toilettenpapierrolle über die Tanzfläche und wickelt das Publikum ein. Der Sound ist miserabel, aber die Liveperformance macht Laune, besonders bei meiner Bekannten, die genau wie ich ein paar Jahre zu alt ist für das Event, bei Mitte 20 liegt die gefühlte Obergrenze. Trotzdem macht die Bekannte sich nach dem Konzert, betrunken und mit toilettenpapierum­wickel­tem Arm, auf die Suche nach Nummer 114 – sie wird nicht wieder zurückkehren.
Gegen drei Uhr verließ ich dann die Party und hatte sie eigentlich auch schon vergessen, bis mich vor Tagen die Nachricht eines gewissen Jonas über MySpace erreichte: „I got your mixtape. I had to take it be­cause it is a tape and I haven’t had a tape in my hands for a year or so. Couldn’t even remember how the box felt. Now all is good, I just have to find a cassette player, but don’t worry, will do so soon!“

www.love-bdsc.blogspot.com

www.myspace.com/homageberlin

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