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Björk: Biophilia

Björk: BiophiliaVon Apps und iPads erzählte sie, von Touchscreens, 3D und einer Hauskonstruktion, die nach Vorbild der Songs entstehen sollte. Leise fürchtete man, dass die Sache vor allem verkopft und verkabelt werden würde. Jedoch: Ihren Kopf hat Björk bei aller Multimedia-Vision nicht verloren.
Im Gegenteil entfaltet „Biophilia“ schon in den ersten Sekunden eine konzentrierte Kraft. „Moon“ beginnt in fast leerem Klangraum mit einer Melodie auf dem Zupfinstrument Gameleste; hautnah klingt Björks Gesangsmelodie. Das superfuturistische Hightech-Werk beginnt also mit dem Einfachsten – und kommt immer wieder aufs Grundlegende zurück: Vokalmusik, chorisch oder solistisch. Überraschend reduziert wirken die Songs, auch wenn Björk unterwegs das Klangspektrum erweitert: um metallische Saiten, Elektrobeats, Orgelharmonien und einen Frauenchor. Teils kommen kuriose, selbst entwickelte Instrumente zu Gehör, mit denen die Isländerin fortan drei Jahre lang auf Welttournee sein wird. In „Thunderbolt“ kommt ihr heilig-ernster Gesang mit ähnlichem Pop-Gestus daher wie zu „Homogenic“-Zeiten. Den rumorenden Bass legt eine Spule nach Nikola Tesla: Der Technovisionär passt als Schlüsselfigur zu Björks „Biosphere“-Thematik, die sich um Elementarkräfte, Harmoniegesetze, Natur- und Technik-Analogien dreht. Die Single „Crystalline“ mit glockenspielartigem Gameleste könnte Musik für ein mechanisches Ballett sein, der Track gerät am Ende unter heftigen Breakbeat-Beschuss. Deutlich jenseits des Popkontexts fahren Songs wie „Hollow“ ihre Antennen aus. Nach einem Start mit Orgelclustern im Bassregister verzahnen sich frei drehende Chorpartien mit Glitch-Techno-Sounds. Ein Extrem, das in Spannung steht zum Finale. Denn im gebetsliedhaften „Sols­tice“ wird Björks Stimme nur von gezupften Metallsaiten begleitet. Und schon klingen die Dinge wieder ganz einfach.

Text: Ulrike Rechel

tip-Bewertung: Herausragend

Björk, Biophilia (Polydor/Universal)

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