Konzerte & Party

Björk in der Zitadelle Spandau

Björk

tip Sie kennen Berlin seit den 80ern.
Björk?Ich glaube, da war ich zum ersten Mal im Ausland. In einer Punk-Kommune mit 30 anderen Leuten. Mir hat das mächtig imponiert, dass jeder an einem bestimmten Tag des Monats Abendessen kocht. Das fühlte sich nach Freiheit an. Sehr radikal, politisch aktiv. Ich erinnere mich auch an mein zweites Mal in Berlin: Ich war im siebten Monat schwanger und spielte als Support für die Einstürzenden Neubauten. Ihr Bass ließ mein Fruchtwasser rumpeln.

tip Auf Ihrer „Vulnicura“-Platte aus diesem Jahr geht es um Verwundetsein und um Heilung. Sie verarbeiten darin Ihre Trennung. „Don’t remove my pain / It is my chance to heal“, singen Sie. Geht es Ihnen besser?
Björk Wir alle haben gute und schlechte Tage, aber jetzt ist es fast drei Jahre her, dass ich den ersten Song darüber geschrieben habe. Das ist eine lange Zeit, wenn es um Herzensangelegenheiten geht.

tip Halten Sie symbiotische Beziehungen inzwischen für zu gefährlich?
Björk Freundschaften und Liebesbeziehungen tragen ein unglaubliches Potenzial zur Heilung in sich – aber beinhalten zugleich eine dunkle Seite. Ich glaube, wir haben die Wahl. Es ist ein Drahtseilakt, der lebensbejahend aufgehen kann. Ich glaube sehr daran, sich mit jemandem zu vereinigen.

tip Haben Sie nie gezweifelt, ob es so gut ist, etwas dermaßen Intimes in die Öffentlichkeit zu tragen?
Björk Ich habe auf meine Erfahrung und mein Urteilsvermögen vertraut. Dass ich mit der Zeit fähig sein würde, die Dinge hinter mir zu lassen. Feinabstimmung. Ich glaube, das ist ein Balanceakt zwischen dem Privaten und dem Universellen. Ich glaube an diesen schmalen Grat, auf dem sie zusammentreffen und sich ergänzen. Ich will nicht behaupten, dass das auf dem ganzen Album klappt, aber ich hab es definitiv versucht. Man schreibt so lange um, bis es sich richtig anfühlt. Obwohl dieses Album auf eine Art das impulsivste und hilfloseste ist, konnte ich mich auf Erfahrung und Instinkte stützen.

Björktip Ist „Vulnicura“ dann überhaupt ein authentisches Klangtagebuch oder haben Sie es bewusst fiktionalisiert?
Björk Es war das einzige Album, das ich zu dieser Zeit hätte machen können. Über manches war ich mir im Klaren. Ich bin mir aber sicher: Wenn ich es in 20 Jahren höre, werde ich feststellen, dass vieles in Sachen klanglicher Dokumentation nicht absichtlich geschah. In der Musik geht es so sehr um das, was eben nicht gesagt wird: die Strömungen, die Einstellungen zwischen den Instrumenten, die Streicher, das Mitschwingen. Nichts davon habe ich für die Hörer verändert, aber in die Songs schrieb ich ihre Entstehungszeit mit ein, um sie weniger zügellos und universeller zu machen.

tip Inzwischen gibt es sogar Remixe dieser sehr persönlichen Songs.
Björk Offensichtlich wirken sie von Person zu Person sehr unterschiedlich. Mica Levi hat meine Streicherarrangements besonders herausgestellt. Katie Gately machte eher ihr eigenes kleines Lied draus. Leute wie Lotic höre ich selbst die ganze Zeit. Ich war überwältigt und perplex, dass er mitmachte.

tip Wie fanden die Beats des Industrial-HipHop-Produzenten Arca auf der Platte überhaupt mit Ihren Streichern zusammen?
Björk Ich schrieb die Songs und die Streicherarrangements. Die Struktur stand meist schon fest bevor er kam. Allein oder selbst mit ein bisschen Hilfe hätte ich wohl zwei Jahre gebraucht, um die Beats langsam zu entwickeln. Aber mit ihm war es wie eine Explosion! Ich wurde Singer-Songwriter-Streicherarrangeurin, machte ihm ein Bett, auf das er Beats legte. Das meiste entstand, während wir zusammen im Raum saßen und redeten. Magie.

tip Gäbe es auch noch härtere Themen, über die Sie keine Platte machen könnten?
Björk Es ist mehr sehr wichtig, dass die Leute die psychologische Narrative und die Worte in der Musik nicht überbewerten. Ein Großteil der Musik, die ich höre, ist instrumental oder in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Für mich ist das die kraftvollste Haltung der Musik. Musiker sollte man durch all ihre Lebensetappen gehen lassen. Autoren und Filmemachern gestehen wir das doch auch zu. Manchmal macht man Psychologie und dann wieder Karneval oder Bergsteigen oder Introvertiertsein. Ich beanspruche die Freiheit, alle mein Charakterseiten aufzuzeichnen – nicht bloß das Drama! Das ist nur ein kleiner Teil von mir. Bei Frauen ist das heikel. Schauen Sie sich den neuen Amy-Winehouse-Film an. Klatsch und Drama in der Öffentlichkeit. Niemand redet über ihr Talent als Komponistin oder Sängerin.

tip Antony Hegarty ist Ihr Duett-Partner im Song „Atom Dance“. Welche Rolle spielt Queer-Kultur für Sie?
Björk Zum Glück gibt es alle möglichen Leute in meinem Leben. Gute Musiker sind gute Musiker. Gleich welcher Sexualität.

tip Sie bekamen dieses Jahr Ihre eigene Multimedia-Ausstellung im MoMA. David Bowies Ausstellung ist international auf Tour. Worin besteht überhaupt die Faszination, Musik ins Museum zu tragen?
Björk Ich bin mir nicht sicher. Um ehrlich zu sein, hab ich sie selbst gar nicht gesehen. Ich bin sehr eigen und gehe eher auf Konzerte oder zu DJ–Sachen.

Björktip Ihre MoMA-Schau hat schlechte Kritiken bekommen. Bereuen Sie den Schritt?
Björk Der Kurator wollte das tun, ich kann schwer darüber sprechen. Es ging eher ums Thema. Mit Alben oder Projekten wie „Biophilia“ oder „Vulnicura“ werde ich verrückt verbissen. Ich ziehe das bis zum Ende durch – was auch passieren mag. Meine Vision gebe ich nicht auf, egal ob Leute sie hassen – oder eben lieben, was natürlich Zucker ist. Aber es ist gefährlich, sich daran festzuhalten. Man darf seine Instinkte nicht außer Acht lassen. Das MoMA-Ding war ja nicht meine Initiative, deshalb hab ich nicht diese Beziehung dazu. Ich war ein Gast – wie damals, als ich „Dancer in the Dark“ mit Lars von Trier machte. Unglaublich! Aber ich war so was von happy, zur Musik zurückzukehren. Ich bin der Popmusik dankbar. Sie hat mir all den Raum gegeben, das zu tun, was ich will. Ich verehre das Format. In einem großen Raum sein, mit Soundwellen, die durch deinen Körper dringen. Das fühlt sich richtig an. Nicht zu ernst. Nicht zu albern. Einfach richtig.

tip Sie spielen hier im August wieder open air, wie schon 2013 beim Berlin Festival. Stört Sie das nicht, dabei die Kontrolle über das Gesamtkunstwerk abzugeben? Es könnten Vögel singen, wie auf einer Kate-Bush-Platte.
Björk Ich verstehe meine Konzerte nicht als Kunstwerke. Für mich sind sie der Ort, an dem man Logik, Konzepte, Gehirn, Raster und den Kopf überwinden und versuchen kann, es so impulsiv, natürlich, klanglüstern und hoffentlich eindringlich wie nur möglich zu machen. Mit so vielen Einstiegspunkten, wie nur irgend geht. Draußen zu spielen ist so ziemlich das Dankbarste überhaupt. Das hilft. Ich liebe es, mit dem Wind zu verschmelzen, das Wetter aufzunehmen. Ich wäre sehr glücklich, wenn ich 70 Prozent meiner Konzerte draußen spielen könnte, bei allen Wetterlagen. Drinnen spüre ich, dass ich meinen Atem anhalte, bis es wieder nach draußen geht.

Interview: Stefan Hochgesand

Fotos: 2015 Inez and Vinoodh / courtesy of Wellhart/One Little Indian

Björk, Zitadelle Spandau, Am Juliusturm 64, Spandau, So 2.8., 18.30 Uhr, ausverkauft

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