Konzerte & Party

Bonnie „Prince“ Billy in der Apostel Paulus Kirche

Bonnie

Oberflächlich betrachtet legt das Gesamtwerk Will Oldhams der letzten zwanzig Jahre nahe, dass der bärtige Troubadour einer abseitigen Traditionslinie von Americana entstammt, wie man sie wohl am ehesten aus den Filmen von Harmony Korine kennt: irgendwo zwischen der White-Trash-Farce „Gummo“ und der Neon-Fantasie „Spring Breakers“. Dass Korine mit Oldham befreundet ist und auf dem Album „Ease Down the Road“ auch schon mal im Hintergrund gesungen hat, ist eine in diesem Zusammenhang aufschlussreiche, aber nicht übermäßig relevante Information, die sich nahtlos in das widersprüchliche Bild von Will Oldham einfügt.
Man darf sich dieses Bild ähnlich wie seinen Auftritt in dem Musikvideo zu Kanye Wests Hit „Can’t Tell Me Nothing“ vorstellen. Da tanzt Oldham in kurzen, knallroten Shorts und bauchnabelfreiem T-Shirt mit dem US-Komiker Zach Galifianakis (aus den „Hangover“-Filmen) arschwackelnd zwischen Kühen und Trachtenmädchen und singt lippensynchron über Louis Vuitton, Champagnerbäder und willfährige Prostituierte. Oldham wirkt in diesem unwirklichen Szenario wie ein Fremdkörper und ist doch ganz bei sich selbst.
Bonnie In Interviews amüsiert er sich noch immer köstlich über Fragen nach seinem Alltag, so ganz ohne Internet und Fernsehen. Oldham hat das Image des exzentrischen Outsider-Künstlers über die Jahre sorgsam gepflegt (und diese Rolle in Phil Morrisons Film „Junikäfer“ sogar schon gespielt), wobei dem Mysterium um seine Person zuträglich ist, dass Oldham bis heute nur ungern mit Journalisten redet beziehungsweise er ihnen genau das erzählt, was sie von ihm hören wollen. Und dann ist da natürlich noch die alte Geschichte mit den Bandnamen.
Inzwischen hat sich aus dem anfänglich verwirrenden Oldham-Kosmos mit seinen zahllosen Palace-Inkarnationen, von denen sich die meisten später als Ein-Mann-Bands entpuppten, ein dominantes Narrativ herausgebildet, das der Kunstfigur Bonnie „Prince“ Billy (eine doppelte Referenz an Bonnie Prince Charlie, einer Randfigur der britischen Monarchie des 18. Jahrhunderts, und an Nat King Cole) gehört.
Wenn Will Oldham auf „Funtown Comedown“ mit den befreundeten The Picket Line in einer launigen Session Old-Timey-Country, Bluegrass und alte Ballroom-Stomper wiederbelebt, erweist er damit der amerikanischen Folklore seinen aufrichtigen Respekt. Doch genauso konsequent kann er auf „Greatest Palace Music“ auch die opaken, knarzigen Kammerdramen seiner Anfangsjahre mit einer professionellen Studioband in einem slick produzierten, abgehangenen Nashville-Sound neu aufnehmen. Oder einen Kurzauftritt in R. Kellys HipHop-Oper „Trapped in the Closet“ absolvieren.
Bonnie Authentizität war einmal ein wichtiger Bezugspunkt für die Fans Will Oldhams, der Anfang der Neunzigerjahre mit seinen solitären, geisterhaft-verhallten Homerecording-Kleinoden einen unspektakulären Gegenentwurf zum aufpolierten Alternative Rock der formativen MTV-Jahre darstellte. Der Rauschebart war jahrelang ein Emblem dieser Entfremdung, bis er zum Markenzeichen der Hipster wurde. Hillbilly-Hipster Oldham wirkt bei öffentlichen Auftritten noch immer ein wenig aus der Welt gefallen, doch im Geiste ist er ein echter Kosmopolit. Immerhin hatte er schon eine kurze Hollywood-Karriere hinter sich, bevor er zum schweigenden Enigmatiker der modernen amerikanischen Rootsmusik avancierte.
Das ländliche Amerika, das er in seinen Liedern mit einer abgöttischen Inbrunst besingt, ist eine ernsthafte Obsession. Die Brill-Building-Songschreiber widmeten sich in ihren Texten der luftdichten Fortschrittseuphorie Amerikas in den Sechzigerjahren. Oldham, der sich in einem Anflug von Selbstironie schon mal in dieser Tradition verortet, wendet die Klischees polierter Oberflächen und sinfonischer Arrangements mit elaborierten Texten über die Heilige Trinität der Country Musik: Liebe, Gott und den Tod. Man könnte sich für seine inspirierten Moritatengesänge keinen besseren Aufführungsort als eine denkmalgeschützte Kirche wünschen.

Text: Andreas Busche

Bonnie „Prince“ Billy + Lutto Lento & Piotr Kurek?, Apostel Paulus Kirche, Di 4.3. + Mi 5.3., 19.30 Uhr, ?VVK: 36 Euro zzgl. Gebühr

Andreas Busche stellt außermusikalische Aktivitäten von Will Oldham vor?

Der Grafiker
Auf seiner ersten Europa-Tour mit den Palace Brothers 1994 wurde Will Oldham unter Fans noch als „einer von Slint“ gehandelt. Das stimmte auch – vor allem aber war Oldham für das Cover des legendären Slint-Albums „Spiderland“ verantwortlich. Sein Foto zeigt die Bandmitglieder in einem Badesee bis zum Hals im Wasser. Kurz darauf hatte sich die einflussreiche Band auch schon aufgelöst.

Der Naturbursche
Oldhams Drang in die Natur verewigte die amerikanische Filmemacherin Kelly Reichardt in dem peinvoll komischen Roadmovie „Old Joy“, in dem zwei alte Schulfreunde einen Ausflug zu den heißen Quellen in den Wäldern von Oregon unternehmen und dabei langsam realisieren, wie ihre unterschiedlichen Lebensläufe sie voneinander entfremdet haben. Oldham redet sich hier bravourös um Kopf und Kragen.

Der Gastdarsteller
Ein heimlicher YouTube-Hit ist das inoffizielle Video zu „Can’t Tell Me Nothing“ von Kanye West, in dem Oldham während eines spontanen Besuchs auf Zach Galifianakis’ Farm in Kentucky mitspielte. Eine herrlich beknackte Parodie auf „The Sound of Music“, die Oldhams Ruf als Stil-ikone begründete und sein komödiantisches Talent offenbarte.

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