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Corona-Ignoranz

Boot-Demo auf Landwehrkanal für Club-Kultur: Veranstalter äußert sich zu Kritik an Rave

Eine Demonstration zur Rettung der Club-Kultur in Berlin am vergangenen Sonntag wird heftig kritisiert. Tausende Menschen waren dem Aufruf der „Rebellion der Träumer“ und des Kater Blaus gefolgt und hatten sich an den Landwehrkanal begeben – rund 400 Boote folgten dem Hauptschiff auf dem Wasser, das elektronische Musik spielte. Ziel der Demo: der Urbanhafen, direkt vor dem Vivantes Klinikum – dort fand die Kundgebung statt. Die Polizei löste die Demo am Abend auf, nachdem es viele Verstöße gegen die Corona-Verordnung gab. Gegenüber der „BZ“ hatten. die Veranstalter da noch von der „Geburt einer neuen Loveparade“ geschwärmt.

Mit einer derartig heftigen Welle der Kritik hatten sie da noch nicht gerechnet. Die Bilder der Veranstaltung empören viele, in sozialen Medien reichen die Vorwürfe von „ignorant“ bis „asozial“. Denn zu sehen sind zahlreiche Menschen auf sehr engem Raum, fast ausnahmslos ohne Mund-Nasen-Schutz. Viele tranken, teils wurden offen oder halb versteckt Drogen konsumiert.

Welle der Empörung nach Boot-Rave auf dem Landwehrkanal: Teilnehmer*innen wird Ignoranz und Egoismus vorgeworfen. Foto: Imago Images/Travel-Stock-Image

„I Can’t Breathe“-Banner: Rave-Demo feiert unter den letzten Worten von George Floyd

Heftige Kritik gibt es auch daran, dass der laute Techno-Zug in Zeiten von Corona ausgerechnet vor einem Krankenhaus endete. Und dafür, dass auf einem Boot ein Banner zu sehen war, auf dem „I Can’t Breathe“ stand. Dies waren die letzten Worte des schwarzen US-Amerikaners George Floyd, der am 25. Mai 2020 in Minneapolis bei einem Polizeieinsatz gestorben ist. In der Folge brachen an mehreren Orten in den USA Unruhen aus – vor allem Schwarze sind wütend auf ein strukturell rassistisches System, in dem jede Polizeikontrolle den Tod bedeuten kann.

Und während zwischen Hermannplatz und Mehringdamm die #blacklivesmatter-Bewegung protestierte, hatten einige Hundert Meter weiter die Menschen Spaß vor dem Transparent. Dabei stehen die Worte „I can’t breathe“ für einen tödlichen Vorfall und eine hochpolitische Debatte – und nicht für die Zukunftsaussichten der Berliner Partykultur.

Ziel der Boots-Demo war eigentlich, auf die prekäre Lage der Berliner Clubs aufmerksam zu machen. Wann sie wieder öffnen können, ist ungewiss – viele rechnen nicht mehr mit einer Öffnung in 2020. Das Geld wird knapp, viele Betriebe sehen sich vor dem Aus.

Veranstalter der Boots-Demo entschuldigt sich nur für Kundgebung vor Krankenhaus

In Folge der massiven Kritik an der Veranstaltung, äußerte sich die „Rebellion der Träumer“ bei Facebook: „Wir haben gestern für unsere legitimen Interessen demonstriert und dabei bewusst die Aktionsform einer Wasserdemo gewählt, um das Ansteckungsrisiko so gut es geht zu minimieren“, heißt es dort. „Als Kulturschaffende sind unsere beruflichen Existenzen und unsere Veranstaltungsorte akut bedroht – viele Künstler*innen, Kultureinrichtungen und Festivals fallen gerade durch alle Netze.“

Man habe sich „zunächst sehr über den großen Zulauf und die auf dem Wasser und an den Ufern sichtbare breite Zustimmung zu den Demo-Anliegen gefreut“. Immerhin werden Fehler eingeräumt: „Wir haben in der Mobilisierung wiederholt und deutlich auf die Abstandsregeln hingewiesen und dazu aufgefordert Gesichtsmasken zu tragen. Dennoch hat unsere Kommunikation nicht alle Teilnehmenden erreicht – hier wäre in Anbetracht der Menschenmenge ein umfassenderes Sicherheitskonzept, auch in Zusammenarbeit mit den Behörden, wichtig gewesen.“

Zuletzt werden die Teilnehmer*innen, „die in größeren Menschenmengen unterwegs waren“, darum geben, „ihre Sozialkontakte in den nächsten 7-10 (Tagen) weitestmöglich zu reduzieren.“ Dass dem uneingeschränkt Folge geleistet wird, ist zumindest unwahrscheinlich.

In den Kommentaren zu dem Post werden sowohl die Stellungnahme als auch die gesamte Veranstaltung der „Rebellion der Träumer“ heftig kritisiert. Viele sahen in der Wasser-Demo einen Beleg dafür, dass die Teilnehmer*innen wenig Interesse an einer tieferen Bedeutung der Club-Kultur für die Menschen in Berlin haben, sondern einfach hedonistisch-egoistisch in Ruhe saufen und Drogen nehmen wollen.

Kater Blau löschte nach Kritik schnell alle Aufrufe zur Teilnahme

Viele bemängeln am Erklärungsversuch der Veranstalter auch, dass mit keinem Wort auf das „I Can’t Breathe“-Banner eingegangen wird. Es wird eine klare Distanzierung gefordert. Bei Twitter reagierten ebenfalls viele zutiefst entsetzt über die Feierlaune unter dem Banner mit diesen Worten – selbst ohne Ahnung von dem Geschehen ist dieses Zitat in einer Pandemie, die Tausende Menschen ersticken lässt, makaber.

Beworben hat die Demo auch das Kater Blau – allerdings sind kurz nach Aufkommen der Kritik sämtliche Social-Media-Posts spurlos verschwunden, eine Erklärung oder Antwort auf die Kritik gibt es seitens des Clubs nicht. Das Kater Blau hatte Ende März Negativschlagzeilen gemacht, weil es dort einen Corona-Ausbruch gab – Dutzende hatten sich beim Feiern dort infiziert.

Auch Senatorin für Gesundheit und Clubcommission mit deutlichen Worten

Die Senatorin für Gesundheit hat die Demo ebenfalls heftig kritisiert. Dilek Kalayci schreibt bei Twitter: „Ich bin entsetzt über die Demo-#Party auf dem Landwehrkanal. Ich bleibe dabei: Es ist nicht die Zeit für Partys! Die Clubs waren am Anfang der Ausbreitung in Berlin die Hotspots. Es war für das frühzeitige Ausbremsen des Virus richtig und wichtig, diese zu schließen.“

Die Clubcommission schreibt bei dem Nachrichtendienst, wäre sie frühzeitig eingebunden gewesen, hätte man gegebenenfalls auf die Veranstalter*innen einwirken können. Die Demonstration habe „im völligen Kontrast zu unseren Bemühungen im Rahmen unserer United-We-Stream-Kampagne Bewusstsein zu schaffen und Social Distancing einzuhalten.

Tatsächlich stehen viele Clubs nach zwei Monaten Schließung vor dem finanziellen. Läden wie das Sisyphos und der Salon zur wilden Renate reagierten mit alternativen Konzepten, die die Umsatzeinbußen aber kaum ausgleichen.

Rebellion der Träumer Statement zur Ravekultur-Retten Bootsdemo am 31.05.2020Es gab im Anschluss an die Boots-Demo für…

Posted by Rebellion der Träumer on Monday, 1 June 2020

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