Konzerte & Party

„Böse Musik“ im Haus der Kulturen der Welt

Ale Dumbsky

Was haben Neil Young, INXS, XTC, Rick Astley und Styx wohl gemeinsam? Die Antwort liegt nicht unbedingt auf der Hand: Sie alle sind auf einer Playlist vertreten, mit der die US-Armee im Dezember 1989 den in die vatikanische Vertretung geflüchteten panamaischen Staatschef Manuel Noriega in einer irrwitzigen Lautstärke beschallte. Zehn Tage hielt Arien-Fan Noriega dem Beschuss mit westlichem Classic Rock und Pop stand, bis er zermürbt aufgab. Die komplette Playlist befindet sich heute im National Security Archive, als Zeugnis des letzten bedeutenden Sieges im amerikanischen Drogenkrieg. Die Noriega-Belagerung besaß aber noch in anderer Hinsicht eine historische Dimension: Sie stellte den ersten öffentlichkeitswirksamen Schulterschluss von Militär und Pop im damals noch jungen „military-entertainment-complex“ dar. Zehn Jahre nach Robert Duvalls berühmtem Walkürenritt in „Apocalypse Now“ („I love the smell of napalm in the morning“) hatte die Taktik der akustischen Kriegsführung eine neue Qualität erlangt. Seither erfreute sich Popmusik bei militärischen Operationen, von Waco bis Guantanamo, immer wieder großer Beliebtheit.

Kode9Krieg mit Klängen
„Akustische Kriegsführung“ ist naheliegenderweise ein thematischer Schwerpunkt des Festivals „Böse Musik“, das vom 24. bis 27. Oktober im Haus der Kulturen der Welt stattfindet. Die psychoakustische Wirkung von Geräuschen hat die Strategen früh inspiriert. Im Zweiten Weltkrieg verbreiteten die sogenannten Jericho-Trompeten der Stukas bei deutschen Luftangriffen Panik unter der Zivilbevölkerung, in den Siebzigerjahren setzte die englische Polizei Ultrasounds im hohen Frequenzspektrum zur Niederschlagung von Demonstrationen ein. Der Soundtheoretiker und Dubstep-Produzent Steve Goodman nennt „Sonic Warfare“ in seinem gleichnamigen Buch eine „verführerische und gewalttätige Kraft, abstrakt und physisch, die es schafft, die körperliche, emotionale und libidinöse Dynamik von Bevölkerungen, Körpern und Menschenmengen zu beeinflussen“.
Was sich wie die verklausulierte Beschreibung eines Drei-Tage-Wach-Raves liest, steht im Mittelpunkt der Überlegungen, die die Kuratoren Detlef Diederichsen und Holger Schulze für ihr Themenwochenende der bösen Musik angestellt haben. Gibt es eine genuin böse Musik? Was treibt den künstlerischen Prozess seit Hunderten von Jahren zur Auseinandersetzung mit bösem, hasserfülltem oder niederträchtigem Gedankengut? Und was stellt diese Musik mit ihren Konsumenten an? „Jede Epoche“, erklärt Holger Schulze, „hat ihre bösen Formen von Musik, die sie hasst.“ Gleichzeitig laden die ästhetischen Ausschlussmerkmale die abtrünnige Jugend zur Identifikation ein. 1958 etwa wurde Link Wrays Instrumental „Rumble“ aus dem US-Radio verbannt, weil man befürchtete, der Song würde Ganggewalt in den Vorstädten provozieren. „Rumble“ wurde natürlich trotzdem – beziehungsweise gerade deswegen – ein Hit. Die Gewalt blieb aus.
Gangsta-HipHop, Blackmetal, islamischer Hass-Rap, Nazi-Rock, die kalabrischen Volkslieder der ’Ndrangheta, der Proibidгo aus den brasilianischen Favelas: Böse Musik sucht sich in allen Sprachen und Klangfarben ihren Weg ins Gehör der leicht Verführbaren. Schon der Blues, Ausgangspunkt der westlichen Popmusiktradition, hat sich eingehend mit dem Morbiden und der Gewalt beschäftigt. Die populäre Musik hat immer die Nähe zum Bösen und Verdorbenen gesucht, genauso war „gute“, freundliche Musik aber auch stets anfällig für Aneignungen von falscher Seite. Wer etwa die zermürbende Wirkung von Popmusik einmal am eigenen Leib erfahren möchte (ohne gleich das nachmittägliche Formatradio einzuschalten), kann sich im Haus der Kulturen der Welt in einer isolierten Kabine freiwillig der „Noriega Experience“ aussetzen. „Das Böse besitzt ein doppeltes Privileg“, sagt Lars Brinkmann, Experte für schlecht gelaunte Musik und Herausgeber des Magazins Grimm. „Es ist ansteckend und zugleich faszinierend.“ Brinkmann gehört zu den Spezialisten, die sich am Festivalwochenende mit Gleichgesinnten über die Erscheinungsformen von böser Musik austauschen.

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BundespolizeiorchesterUndercover bei den Nazis
Ein anderer Fachmann ist Erlend Erichsen, der am zweiten Tag aus seinem Roman „Nationalsatanist“ über die norwegische Blackmetal-Szene lesen wird. Hässlicher Ideologie wird im Rahmen von „Böser Musik“ viel Platz eingeräumt. Für seine Dokumentation „Blut muss fließen“ ging der Journalist Thomas Kuban neun Jahre lang undercover auf Nazi-Konzerte, Francesco Sbano referiert über „Musica della Mafia“ und Ale Dumbsky, Robert Stadlober und Volkan T.error zerpflücken in ihrer Spoken-Word-Performance „Pure Hate“ die Hass-Rhetorik des globalen HipHop in seine semantischen Bestandteile. Dazu grummelt im Hintergrund ein atonaler Klangteppich. Auch musikalisch hat das Programm einige inspirierende Beiträge im Angebot. Sonic-Warfare-Experte Goodman wird unter seinem Alter Ego Kode9 der basslastigen Geistermusik tanzbare Seiten abgewinnen, das Projekt The Schwarzenbach um das Kammerflimmer Kollektief und den Autoren Dietmar Dath widmet sich der „Zarten Blüte Hass“, das Bundespolizeiorchester spielt politisch korrekte Märsche, und die Cumbia-Dekonstruktivisten Pedro Ojeda und Eblis Бlvarez versuchen sich in einem eigens für das Festival konzipierten Set an ihrer Version von „Tropical Blackmetal“.

Der Reiz des Bösen
Natürlich ist die Definition von „böser Musik“ ästhetischen und kulturellen Moden unterworfen. Doch eine Eigenschaft verbindet alle Spielarten devianter Musik: ihr rebellischer Charakter, der die Popmusik zu jeder Phase der Erneuerung ausgezeichnet hat. Insofern war „das Böse“ tatsächlich schon immer ein verborgener Wesenszug des Pop, von den kratzigen Hippie-Balladen eines Charles Manson bis zu Beyoncйs Auftritt auf der Privatparty des Diktatoren-Sohns Mutassim Gaddafi. „Böse Musik“ lädt dazu ein, diese verkommenen Spurenelemente zu extrahieren und mit wohligem Entsetzen zu lauschen.

Text: Andreas Busche

Foto Kode9 (mittig): Ammann + Siebrecht Fotografen GmbH

Böse Musik mit Ale Dumbsky, Robert Stadtlober, ?Lars Brinkmann u.a., ?Haus der Kulturen der Welt, Do 24. bis So 27.10., Filme und Ausstellungen gratis, Konzerte ?und Performances ab 20 Uhr, VVK: 10 / 8 Euro (erm.), Festivalpass: 30 Euro

Alle Termine: www.hkw.de    

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