Konzerte & Party

„Brandt Brauer Frick“ im Berghain

Brandt Brauer Frick

Um Daniel Brandt, Jan Bauer und Paul Frick in ihrem Studio an der Sonnenallee zu besuchen, braucht es an der Eingangstür etwas Zeit bei der Namenssuche. Irgendwo findet sich auf dem großen Klingelbord auch das Namensschildchen „Brandt Brauer Frick“, nach Art einer WG. Der Studioraum in einem alten Backsteingebäude im Hinterhof strahlt denn auch die gemütliche Atmosphäre eines Wohnzimmers aus, mit durchgesessenem Sofa, Perserteppich und einem Konzertflügel.
Hier entstand im Lauf des letzten Jahres das neue Album des Trios, dessen markanter Stil um präzise Techno-Strukturen und ein warmes, analoges Instrumentarium einen stattlichen Hype auslöste. In Zeiten, in denen die Grenze zwischen elektronischer Clubmusik und neuer Klassik durchlässiger wird, treffen die handgespielten House-Tracks der Berliner einen Nerv. Das mit großem Ensemble eingespielte Album „Mr. Machine“ von 2011 gilt inzwischen als junger Klassiker.
Auch international läuft es rund. Zwei Jahre lang befanden sich die drei Newcomer mehr oder weniger pausenlos auf Reisen: in Lateinamerika, Japan und quer durch die USA. „An einem Tag hatten wir einen Trio-Gig, am nächsten reisten wir weiter, um am Abend mit dem Ensemble zu spielen, danach reisten wir wieder zu dritt ab, manchmal kam ein Tag dazwischen, an dem wir aufgelegt haben. Zwischendurch waren wir in Berlin und eigentlich total fertig. Dann haben wir uns an das neue Album gesetzt“, erzählt Pianist Paul Frick.
Brandt Brauer FrickDer harte Lebensrhythmus aus ständigem Aufbrechen und Ankommen hat sich als Thema in die neuen Stücke eingeschrieben. „Miami“ heißt das Album; die Atmosphäre aber wirkt eher dunkel als sonnig, eher nachtwach als ausgeruht. Als roter Faden ziehen sich instrumentale Miniaturen mit brütenden Streicher-Arrangements durch die Platte. Neu ist, dass Gastsänger zum Mikro greifen, etwa Gudrun Gut, L.A.-Tausendsassa Om’ma Keith – Produzent von Frank Oceans gefeiertem Debüt – oder Jamie Lidell, der im verzerrten Discotrack „Empty Words“ den taumelnden R’n’B-Prinzen gibt.
„Etwas Ähnliches zu machen wie auf unserem ersten Album, wäre uns wohl gar nicht gelungen, selbst wenn wir es probiert hätten“, glaubt Frick, dessen musikalischer Hintergrund von seinem Musikstudium unter anderem bei Komponist Friedrich Goldmann geprägt ist. „Musik spiegelt wider, wie man gerade lebt und was man wahrnimmt. Es gab bei uns einen Punkt Ende 2011, als sich unser Reisen und Konzerte-Spielen so gehäuft hatte, dass wir das Gefühl hatten, alles dreht sich zu schnell.“
In den kurzen Phasen in Berlin führte das zu einer veränderten Arbeitsweise. Der anfängliche Perfektionismus wich einem Drang zur Spontaneität. Vergleicht man die erste CD „You Make Me Real“, die noch in Daniel Brandts Wiesbadener Elternhaus in einer umgebauten Garage entstanden war, mit einer wundersam zum Leben erweckten Maschine, so klingt „Miami“ deutlich freier. Aus Jam-Sessions schälten sich Songs heraus, erst später kamen der Reihe nach die Mitglieder des zehnköpfigen Ensembles hinzu. Für Reibungen im Klangbild sorgt zudem eine Elektronik-Infusion: programmierte Snare- oder Bass-Drums, Handclaps oder krachige Störmanöver.
Brandt Brauer Frick„Uns fesselt an Musik, wenn sie hypnotisieren kann“, sagt Frick. „Nun hatten wir schon so viele Stücke gemacht, die auf einem geraden Vierviertel-Bass beruhen, dass uns das nicht mehr so frisch vorkam. Also haben wir uns davon wegbewegt und intuitiv nach anderen Wegen gesucht, um ein Gefühl zu erzeugen, das einen wegträgt.“ Der hypnotische Sog der neuen Platte ergibt sich nicht zuletzt durch die verbindenden Instrumentals, die idyllische Titel tragen wie ­“Ocean Drive“ oder „Miami Drift“. „Es ist wohl am ehesten ein Konzeptalbum, mit dem wir verschiedene Perspektiven auf ein Grundgefühl einnehmen“, sagt Frick, „es geht auch nicht wirklich um Miami, sondern um einen Ort, der nicht existiert. Wir dachten an eine Art Atlantis, das wir auf der Platte assoziativ verarbeiten; eine Welt, in der alles blinkt und oberflächlich sehr ansprechend aussieht. Dabei wissen dort alle, dass der Zusammenbruch bevorsteht.“
Im Lauf ihrer Marathontour von rund 200 Auftritten – teils vor feiernder Publikumsmenge in Japan, teils nur vor einem Häuflein Menschen in Tallahassee – waren die Berliner übrigens auch mal in Miami. „Ein Un-Ort“, findet Moog-Spieler Jan Brauer. „Es gibt dort zwar bekanntlich den Strand; ansonsten ist Miami wie eine Autobahnraststätte: ein Ort, wie es sie immer mehr auf der Welt gibt.“ – „Wir haben natürlich wahnsinnig viel Zeit an solchen Orten zugebracht, wo man vor allem wartet: in SkyCity in Stockholm zum Beispiel – der Versuch einer Stadt im Flughafen – oder auch SkyWalk in Minneapolis. Dort spürt man dann eine besonders starke Entfremdung“, ergänzt Frick.
Der intensive Trip aber sollte sich als wertvolle Inspirationsquelle erweisen. „Im Nachhinein war es toll!“, bestätigt Frick. Nicht zu vergessen der Trainingseffekt: „Nach dieser Tour waren wir wirklich gut.“

Text: Ulrike Rechel

Foto: Nico Stinghe & Park Bennett

Brandt Brauer Frick feat. Om’ma Keith, Berghain, Do 7.3., 21 Uhr, VVK: 18 Euro zzgl. Gebühr

Das Album „Miami“ erscheint am Freitag, den 11. März 2013.

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