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Breakdance in Berlin

Breakdance in Berlin

Irgendwo in Berlin. In einem engen Streetwear-Laden, vollgestopft mit Sneakers sowie T- und Sweat-Shirts, bestaunt ein junger Mann hingebungsvoll ein paar Schuhe. Plötzlich fliegt die Tür auf, ein zweiter Kunde eilt herein, rempelt den ersten rücksichtslos. Wütende Blicke kreuzen sich, die Stimmung wird sofort explosiv. Geht es jetzt zur Sache? Ja – aber anders, als man denkt. Denn statt dass nun Fäuste oder gar Messer fliegen, bauen sich die Kontrahenten zwar bedrohlich voreinander auf, fechten ihren Disput aber nur heftig tanzend aus. Ohne an aggressiven Gebärden zu sparen.
Das im Rahmen eines Film-Workshops unter Leitung von Gero Breloer entstandene Porträt über die M.I.K. Family, eine erfolgreiche Berliner Tanzcrew, die sich auf den Stil Krumping (expressiver Free-Style-Tanz) spezialisiert hat, bringt auf den Punkt, worum es in der Tanz-Sparte der HipHop-Kultur, die manche B-Boying, andere Urban-, Street- oder Breakdance nennen, geht: Den battle, den Kampf ausschließlich durch moves. „Es geht um Körpersprache“, sagt Prince Ofori Kyere aka Big M.I.K in dem Video. Es geht darum, zu zeigen, was man drauf hat.
Breakdance in BerlinUnd Berlin hat in diesen Dingen einiges drauf. Seit Anfang der 1980er-Jahre, als mit Filmen wie „Wild Style“ oder „Beat Street“ die HipHop-Kultur – und mit ihr Breakdance – aus den USA über die ganze Welt und auch in die einstige Mauerstadt schwappte, ging es – bis auf einen Durchhänger Ende der 1980er-/Anfang der 1990er-Jahre – mit dieser Tanzrichtung und der Zahl seiner Unterarten in Berlin stetig bergauf. Man traf sich zu battles, tanzte vor Passanten an zentralen Orten wie dem Breitscheidtplatz und perfektionierte sein Können in den Trainingsräumen der Jugendeinrichtungen. Legendäre Tänzer beziehungsweise crews, wie Niels „Storm“ Robitzky oder die viermaligen Weltmeister Flying Steps, die zuletzt mit ihrer Las-Vegas-artigen Show „Flying Illusion“ im Tempodrom für Aufsehen sorgten, nahmen in diesen Zeiten ihren Anfang. Und gelten als mitverantwortlich dafür, dass sich Breakdance im Schneeballsystem vermehrte: Aus den vielen Workshops, die die Pioniere etwa im Haus der Jugend Zille 54, in der Alten Feuerwache, der Naunynritze, dem Jugend-, Kultur und Werkzentrum Grenzallee und inzwischen in der Flying Steps Academy gaben oder noch geben, ploppen fast im Monatsrhythmus neue Gruppen oder Solotänzer hervor. Sie heißen FanatiX, B-Town-Allstars, Arman Baba Zula Crew oder Mrs. Kill Bill und sie sorgen ihrerseits dafür, dass kein Ende dieser Kultur abzusehen ist: kaum ein ambitionierter Tänzer, der sein Wissen nicht weitergibt.
Was die korrekten Bewegungsabläufe sind, ist dabei schwer zu bestimmen. Gerade in einer pulsierenden, multiethnischen Stadt wie Berlin greifen die Tänzer in einen reichen Fundus: Tanztraditionen aus der Heimat von eingewanderten Eltern dienen genauso als Inspirationsquelle wie Parkour, Tricking oder Capoeira. Es sind urbane Bewegungskünste, die manche B-Boys wie Raphael Hillebrandt oder Arya Lee neben dem Tanzen parallel betreiben. Doch auch die Medien spielen eine wichtige Rolle. Alle paar Jahre kommt ein neues filmisches Standardwerk wie David LaChapelles „Rize“ heraus, das die Tänzer reihenweise zu einem neuen Stil, in diesem Fall dem Krumping, überlaufen lässt. YouTube-Videos ermöglichen außerdem den virtuellen Besuch jeder noch so entfernten competition – und das Lernen von den skillz der antretenden Tänzer.  
Breakdance in Berlin„B-Boying ist sehr anspruchsvoll geworden“, sagt Kadir „Amigo“ Memis, Mitbegründer der Flying Steps und jetzt vor allem mit Tanzprojekten auf Theaterbühnen unterwegs. Denn wer auf den battles im In- und Ausland bestehen will, muss immer atemberaubendere moves und einfallsreichere Choreografien kreieren. Gewagte moves, die Sauberkeit der Ausführung, Musikalität, Kreativität, aber auch die Persönlichkeit zählen, um „Gegner“ zu beeindrucken oder Jurys auf seine Seite zu ziehen, sagt Serdar Bogatekin, Gründer der HipHop-Free-Style-crew Lunatix.
Dass Breakdance derzeit die vitalste aller Tanzarten ist, liegt an der schier endlosen Offenheit dieser Ausdrucksform, die auch zu Klassik funktioniert. Das bezeugen jedenfalls die weltweit über 300.000 Zuschauer, die die Breakdance-Show „Flying Bach“ gesehen haben. Fast wäre die Realisierung dieses Projektes übrigens gescheitert, sagt Vartan Bassil von den Flying Steps, den Urhebern der Show: „Wir haben mit dieser Idee in allen Kulturhäusern und Theatern vorgesprochen, alle haben desinteressiert abgewunken.“ Erst ein Sponsor ermöglichte die Realisierung – und damit den überragenden Erfolg der Show.

Text: Eva Apraku

Foto oben: David Robinson/Red Bull Content Pool

Foto mittig: Richard Walch/Red Bull Content Pool

Foto unten: Jan Eric Euler

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HipHop is back – Über die HipHop-Szene in Berlin

Rap am Mittwoch – Ein Interview mit Bob Salomo

DIE SZENE ONLINE
Das Web ist auch in Berlin eine wichtige Plattform ?für B-Boys und -Girls   
Pharrell Williams Happy, ?Berlin Dance Edition. Tolle Berliner Tänzer interpretieren Williams Hit: http://leegendaryafilms.com
Free your Monster? Bis zum 4.Mai sind in diesem virtuellen Wettbewerb Videos von über 50 Tänzern zu sehen. Die Sieger votet das Publikum: https://www.facebook.com/mikfamily5?fref=ts
M.I.K.-Family-Porträt? Mit Rempel-Szene aus dem Textanfang oben: ?http://vimeo.com/55377374
Keep on Dancing Blog ?Infos, Portraits, Videos (nicht nur) zu Berliner Tänzern: http://keepondancinblog.wordpress.com

UNTER TÄNZERN
Bei den folgenden Events zeigt sich die Bandbreite von Breakdance in Berlin   
Dialogic Movement? „Storm“, R. Hillebrandt, ?L. Wagner und andere ?Tänzer und Künstler im ?Austausch. ?RADIALSYSTEM V, ?Holzmarktstr. 33, ?Friedrichshain, 17.5., 20 Uhr, www.radialsystem.de
CaBdance? Tanzprojekt von Kadir „Amigo“ Memis. HAU 1, Stresemannstr. 29, ?Kreuzberg, 24.6., ?www.hebbel-am-ufer.de
11. Berliner Streetdance–Meisterschaft? Über 60 Tanz-Crews mit 800 Tänzern battlen. Sömmeringhalle, Sömmering–?str. 29, 28.?+?29.6., ?www.streetdance-meisterschaft.de
Funkin’ Stylez ?Battle am 21.+22.11.: ?www.funkin-stylez.com

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