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Brian Molko: „Ich halte nichts von sozialen ­Netzwerken“

JosephLlanes_20A0511_BrianMr. Molko, stimmt es, dass das Radiohead-Album „In Rainbows“ ein Referenzpunkt für Ihr Album „Loud Like Love“ war?
Ja. „In Rainbows“ zählt definitiv zu meinen Lieblingsplatten. Sobald ich sie einmal durchgehört habe, will ich sie sofort wieder auflegen. Wissen Sie warum? Weil alle zehn Songs richtig gut sind. Ich hoffe, unsere Fans empfinden das genauso, wenn sie die „Loud Like Love“-Stücke hören.

Einige Lieder haben Sie ursprünglich für ein Soloprojekt geschrieben.
Tatsächlich hatte ich „Too Many Friends“, „Scene Of A Crime“ und „Hold On To Me“ gar nicht für Placebo vorgesehen. Aber dann kam alles ganz anders. Eigentlich wollten wir bloß eine Single einspielen, daraus wurde schließlich die EP „B3“. Im Studio hatten wir unheimlich viel Spaß mit unserem Produzenten Adam Noble, darum fanden wir danach einfach kein Ende. So schlitterten wir völlig unbeabsichtigt in eine Albumproduktion rein. Dummerweise gab es nicht genug Material. Ich war also gezwungen, ein paar Nummern, an denen ich alleine gearbeitet hatte, rauszurücken.

Ist Ihr eigenes Album damit gestorben?
Weiß nicht. Ich bin ja nicht der Einzige in unserer Band, der ab und zu etwas nur für sich komponiert. Meine Kollegen machen das auch. Denn wir brauchen gelegentlich ein bisschen Abstand vom typischen Placebo-Sound.

Angeblich sollen Sie eine Zeit lang sogar ernsthaft darüber nachgedacht haben, Ihre Gruppe aufzulösen.
Ach was. Ich wüsste überhaupt nicht, was ich ohne Stefan und Steve tun sollte. (lacht) Im Ernst: Ein Blick auf die Musikgeschichte zeigt doch, dass etliche Sänger erfolgreicher Bands solo kläglich gescheitert sind. Natürlich gibt es auch Ausnahmen. Auf Dauer alleine Musik zu machen, wäre mir allerdings zu einsam. Ein Soloalbum käme für mich höchstens parallel zu Placebo infrage. Aber im Moment habe ich diesbezüglich keine ernsthaften Ambitionen. Meine Band und unsere neue Platte haben absolute Priorität.

Wollten Sie auf „Loud Like Love“ eher die dunklen Seiten der Liebe erforschen?
Ja. Die Stücke handeln zwar von der Liebe, aber es gibt keine klassischen Liebeslieder. Ist Ihnen aufgefallen, dass die Nummern mit der Zeit immer melancholischer werden? Mit dem Titelsong „Loud Like Love“ beginnt das Album euphorisch, am Schluss endet es mit „Bosco“ wirklich dramatisch. Ich erzähle, wie Drogen und Alkohol eine Beziehung ruinieren können.

Ist diese Geschichte autobiografisch?
In meinen Texten finden sich stets Bezugspunkte zu meinem eigenen Leben. Allerdings vertone ich weder mein Tagebuch, noch ist mir daran gelegen, öffentlich schmutzige Wäsche zu waschen. Ich gehe da wesentlich subtiler vor, indem ich für meine Songs fiktive Charaktere erschaffe. Die machen dann ganz ähnliche Erfahrungen wie ich selbst. Bis sie erkennen: Liebe ist nicht bloß ein einziger Höhenflug, sie hat völlig verschiedene Facetten. Sie kann unheimlich brutal sein, schmerzhaft, obsessiv.

Bringt „Rob The Bank“ das auf den Punkt?
Dieses Lied beschäftigt sich mit sexueller Abhängigkeit. Dem Erzähler ist es vollkommen egal, was das Objekt seiner Begierde treibt. Wenn seine Angebetete eine Bank ausraubt – fein! Ob sie sich vulgär benimmt oder andere Menschen beleidigt, interessiert ihn nicht. Hauptsache, sie kommt immer wieder zu ihm nach Hause und schläft mit ihm. Komischerweise versteht das nicht jeder. In schönster Regelmäßigkeit lassen sich die Leute vom Songtitel in die Irre führen. Sie fragen mich dann, ob „Rob The Bank“ eine Anspielung auf die Wirtschaftskrise sei. Die Antwort ist Nein.

Die Single „Too Many Friends“ spricht dagegen eine deutliche Sprache. Sie outen sich als Facebook-Gegner.
Genau. Ich halte nichts von sozialen Netzwerken und bin in keinem selber aktiv. Tatsache ist: Ich schaffe es ja kaum, zu den Menschen, die mir wirklich wichtig sind, regelmäßig Kontakt zu halten. Warum sollte ich mir dann noch Tausende Facebook-Freunde aufhalsen? Zu ihnen hätte ich keinen richtigen Draht, sie wären mir fremd. Darum kämen wir nie über oberflächliches Geplänkel hinaus.

Glauben Sie nicht daran, dass uns moderne Technologie näher zusammenbringt?
Im Gegenteil: Sie entfremdet uns voneinander. Wenn Sie heutzutage jemandem gegenübersitzen, ist der oft nur körperlich anwesend. Statt Ihnen in die Augen zu sehen, starrt er auf das Display seines Smartphones. Er kriegt gar nicht mit, was unmittelbar um ihn herum passiert.

Warum ist das Internet für einige Leute wesentlich reizvoller als ein echtes Gespräch?
Weil es leichter ist, etwas in die Tastatur zu tippen, als direkt mit einer Person zu kommunizieren. Am Bildschirm können Sie sich eher hinter einer schönen Maske verstecken. Sind Sie dagegen mit einer Person in einem Raum und unterhalten sich, dann können Sie sich nicht ohne Weiteres verstellen. Sie geben mehr von Ihrem wahren Ich preis. Vielleicht fürchtet sich mancher davor.

Sind Ihnen solche Ängste fremd?
Ich habe kein Problem damit, zu mir zu stehen. Sicher bin ich nicht perfekt, ich mache gelegentlich Fehler. Doch ich bereue nichts. Schließlich haben all meine Erfahrungen letztlich meine Persönlichkeit geformt.

Interview: Dagmar Leischow

Foto: Universal 

Placebo O2 World, Do 28.11., 20 Uhr, VVK: 40–54 Ђ zzgl. Gebühr

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