Konzerte & Party

Bright Eyes im Lido und in der C-Halle

bright_eyesAls Conor Oberst unlängst Geburtstag feierte, galt die Party mehr als nur einem weiteren verstrichenen Lebensjahr. Auf den 15. Feb­ruar fiel gleichzeitig die Veröffentlichung des neuen Albums mit seiner Band Bright Eyes. Ein symbolstarkes Doppel­datum – zu einem Zeitpunkt, als viele sich fragten, ob überhaupt noch etwas zu erwarten sei von der Vorzeigeband des Alternative-Folk-Mekkas Omaha. Nicht, dass der Musiker-Gang um das Indielabel „Saddle Creek“ mangelnde Agilität vorzuwerfen wäre, doch die Aufmerksamkeit für Omahas Songwriter-Szene hat sich verlagert. Sie gilt nun einer nachgerückten Generation Zwanzigjähriger mit Bärten und Banjos, die sich inspirieren ließ von Obersts Rückgriff auf American Roots-Songs im Do-It-Yourself-Modus und von gefühlsprallen persönlichen Texten.

Um die Genre-Pioniere selbst war es währenddessen vergleichsweise ruhig geworden. Als Oberst 2007 das vorerst letzte Bright Eyes-Album nach der spirituellen Klinik benannte, in die er sich auf Selbstsuche begeben hatte – „Cassadaga“ – da klang das mystisch durchtränkte Ergebnis fast wie ein Abgesang auf die Band des Folk-Wunderkindes. Eine bittersüße, prall instrumentierte Eloge an die erste Liebe. Fast vier Jahre ­sollten seither verstreichen; eine Zeit, in ­der Oberst seinen Wohnsitz ins wuselige New York verlegte, in der er neue Wege der ­Zusammenarbeit suchte und nicht wenige Platten veröffentlichte. Während Langzeit-Kompagnon Mike Mogis sich in die Studioarbeit stürzte und Platten für She & Him, Lightspeed Champion oder Pete Yorn produzierte, scharte Conor Oberst die bohemienhafte Mystic Valley Band um sich und nahm unter eigenem Namen zwei bunt gemischte, improvisationsselige Folkrock-Scheiben auf. Eine Zeit, die Oberst kürzlich als bewusste Distanzierung von Mogis beschrieb: „Mir erschien es nach ‚Cassadaga‘ wichtig, eine Platte ohne Mike aufzunehmen“, bekennt er; Mogis sei nach all den Jahren zu sehr zu ­einem persönlichen „Sicherheitsnetz“ geworden.

Die bewusste Ablösung vom Vertrauten führte 2009 aber zur erneuten Annäherung. Die beiden Bright Eyes-Köpfe formierten das Quartett Monsters Of Folk, jene Americana-Supergroup mit Jim James von My Morning Jacket und Retro-Feinmotoriker M. Ward. Das lässige Projekt, bei dem sich die vier Songwriter an teils unvertrauten Instrumenten probierten, erwies sich als Coup: ein inspiriertes Reifezeugnis, mit dem sich die Band über das ironisch gesetzte „Folk“-Limit wegsetzte. – Der kreative Funke hat nun offenbar auch die alte Band neu beflügelt. „The People’s Key“ heißt das vor einem Jahr ­begonnene siebte Album der Band, zu der neben Oberst und Mogis noch Keyboarder Nate Walcott zählt. Durch die zehn neuen Stücke weht ein offener experimenteller Geist: kreative Unruhe, die über Genregrenzen hinaus drängt. Auf „rootsy Americana shit“ habe er schlicht keinen Bock mehr gehabt, gab Oberst dem Billboard-Magazin flapsig zu Protokoll. Nach einem Mann, der kurz davor steht, seine Band aufzulösen – wie Oberst Ende 2009 in Aussicht gestellt hatte – klingt das eigentlich nicht.

An die Stelle früherer Lo-Fi-Ästhetik – Kennzeichen vieler Saddle Creek-Platten – ist in den neuen Songs ein weit gefächertes Klangbild getreten; Sound-Effekte, Elektronik und Synthesizer rücken ins Zentrum der Song­kollektion, die so Unterschiedliches umfasst wie die tanzfreudigen Popsongs „Shell ­Games“ und „Jejune Stars“, den düsteren Aufmacher „Firewall“ mit seiner Krautrock-Orgel-Infu­sion oder die schlichte Klavier­ballade „The Ladder Song“.

conor_oberstWo der „Anything Goes“-Ansatz der Band musikalisch einige prächtige Blüten treibt, führt Obersts experimentelles Credo auf der Textebene dagegen oft ins Obskure. Charakteristische Merkmale seines Erzähltons sind verschwunden: Statt oft fotografisch präziser Szenen, in denen der Songschreiber subtile gesellschaftliche Stimmungen einwob, entschweben die Texte der neuen Songs ins Kryptische. Obersts Gedanken drehen sich um höhere Wesen, die Möglichkeit eines Matrix-artigen Hi-Tech-Zukunftsszenarios, in denen menschliche Körper obsolet sind, erwähnt werden Figuren wie Rastafarian Haile Selassie, Albert Einstein, Eva Braun und eine sogenannte Queen of Sheba, zwischendurch erklingt die sonore Stimme eines befreundeten texanischen Rock’n’Roll-Propheten, der von extraterrestrischem Besuch im Garten Eden erzählt und mit seinem väterlichen Tonfall klingt wie ein alter Drogenphilosoph zur Flower-Power-Zeit. Die Zeilen sind nicht ohne Schönheit, doch insgesamt von einer esoterischen Metaphorik, die darauf angelegt scheint, dass sich jeder seinen „eigenen Reim“ darauf macht. Weiter entfernt könnte Oberst damit nicht liegen zum Agitpop um das Jahr 2004, als seine Songs zu musikalischen Aushängeschildern für die „Vote For Change“-Kampagne im amerikanischen Wahlkampf avancierte.

Wo genau der lyrische Gleitflug des Bandleaders hintreibt, wissen vermutlich nicht mal Obersts Vertraute Mogis und Walcott genauer zu bestimmen. Ihnen wird es im Zweifel wichtiger sein, dass die Dinge unberechenbar bleiben. Eine Haltung, mit der die Band gerade einen spannenden Kurs eingeschlagen hat.

Text: Ulrike Rechel

Bright Eyes Lido, Fr 18.2., 20 Uhr (ausverkauft)
Zusatzkonzert: C-Halle (verlegt, vormals Huxleys), So 19.6., 20 Uhr, VVK: 22 Ђ

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