Konzerte & Party

Bruce Springsteen im Olympiastadion

Bruce_Springsteen_c_Danny_ClinchMeine Freunde haben mich gerade wieder einmal für komplett irre erklärt. Wegen Bruce Springsteen. Ich bin das gewohnt. Seit mehr als 25 Jahren. Ich habe einen Flug nach Wien gebucht, am 12. Juli hin, am 13. zurück, dazu ein Konzertticket für das Ernst Happel Stadion. Summa summarum rund 250 Euro. Meine Frau sagte kopfschüttelnd: „Das wäre ungefähr eine halbe Woche Familienurlaub.“ Nein. Es ist ein Springsteen-Konzert. Jetzt spielt der Boss bei der „Wrecking Ball“-Tour zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder mit der E Street Band in Berlin, in den letzten drei Touren ließ er sich gar nicht hier blicken. Und ich bin nicht in der Stadt. Ausgerechnet. Also Wien. Ich reise allein. Was sonst. The price you pay.

Wenn ich über meinen Musikgeschmack rede, fange ich schon defensiv an: „The Libertines, Tindersticks, Archive, … And You Will Know Us By The Trail Of Dead, Morrissey – und, äh, vor allem Bruce.“ Ich weiß ja, was dann kommt: „Springsteen? Ist das dein Ernst?“ Ja doch. Mein voller Ernst. Gerade hat Arne Willander im Springsteen-Sonderheft des „Rolling Stone“ beschrieben, wie groß es sich anfühlt,“Teil einer Gemeinde, der Bruderschaft der Springsteenianer“ zu sein. Leider ist es so gut wie sicher, dass mein Bekanntenkreis im Olympiastadion komplett fehlen wird. In meinem sozialen Leben bin ich mit Bruce allein. Die Gemeinde ist anderswo. When you’re alone. Zum Springsteenianer machte mich Mitte der 80er-Jahre der Song „Atlantic City“ von „Nebraska“. Da war auch gerade in der DDR „Born In The U.S.A.“ erschienen. Seine bei Weitem bestverkaufte Platte. Man könnte böse sagen: Ich wurde Fan von dem Moment an, als es mit Bruce abwärts ging. Als ich mir kurz darauf das Sprunggelenk brach, schrieb ich auf den Gips: „Born To Run“.

In den 70ern muss es noch richtig cool gewesen sein, Springsteen-Fan zu sein. Die Kritiker liebten ihn auch. Neben „Born To Run“ vor allem „Darkness On The Edge Of Town“, „Nebraska“. Ganz großes Kino. Davon wissen die, die in Springsteen nur den Proleten sehen, den Republikaner gar („Born In The U.S.A.“ hat schon Reagan nicht kapiert), natürlich nichts. Wer nie „For You“, „Backstreets“, „Jungleland“, „Racing In The Street“ oder Spätwerke wie „Paradise“, „Devil’s Arcade“ oder „The Wrestler“ gehört hat, kennt den Songwriter Springteen einfach nicht. Das textlich eher unterkomplexe Banker-Bashing zuletzt auf „Wrecking Ball“ ist nicht die ganze Story. Brian Fallon von Gaslight Anthem sagte mal: „Du musst seine ersten drei Platten hören. Die ändern dein Leben.“ Spirit in the night.

Es ist ja nicht so, dass ich ein dogmatischer Fan wäre. Wie alle sagen. Ich nehme es Springsteen zum Beispiel übel, dass er sich 1988 von Sting hat einreden lassen, er müsse die E Street Band auflösen. Auch, dass er mal das nervtötende „Achy Breaky Heart“ von Billy Ray Circus coverte. Oder dass seit dem ersten E-Street-Album nach der Reunion, „The Rising“, immer öfter dort Geigen sind, wo Gitarren hingehören. Ich kann auch über Ben Stillers „Legends of Springsteen“-Parodien herzlich lachen. Als ich einmal in einer Rezension des „We Shall Overcome“-Albums mit Pete-Seeger-Covers kritisch anmerkte, es wäre für einen Millionär wie Springsteen seltsam, in einem alten Proteststampfer eine Zeile wie „I wish I was Mister Gates“ reinzuschreiben, wurde ich in einem deutschen Internet-Fan-Forum wüst beschimpft: „… wahrscheinlich auch so ein verkappter Republikaner wie Äkschn-Arnie“. Als Springsteen-Fan von Springsteen-Fans angepinkelt zu werden: Das ist wahre journalistische Distanz. None but the brave.

Eine alte Fan-Weisheit geht so: Es gibt Fans von Springsteen. Und Leute, die haben ihn noch nicht live gesehen. Das ist vielleicht übertrieben. Aber es wird deswegen nicht falsch. Seine 78er-Tour ist legendär. Jetzt, mit 62, ist er mit seiner rüstigen, mit Bläsern aufgepeppten E Street Band immer noch ein Ereignis. 1995 spielte Springsteen nach einem Videodreh mit Wolfgang Niedecken (der 2005 beim fabulösen „Devils & Dust“-Solokonzert im ICC als Gast „Hungry Heart“ ruinierte, obendrein auf Kölsch) einen Spontan-Gig im Cafй Eckstein in Prenzlauer Berg, fünf Minuten von meiner Wohnung entfernt. Ich erfuhr davon am nächsten Morgen. Es tut immer noch weh. Ein Studienfreund dagegen kam zufällig an dem Abend im Eckstein vorbei. Eigentlich, sagte er, habe er ja den Springsteen immer blöd gefunden: „Aber das war echt großartig.“ Es ist eigentlich immer großartig. And the band played.

Es kann ja Zufall sein. Aber drei Frauen, mit denen ich mal zusammen war, wurden in unserer Zeit Springsteen-Fans, mehr oder weniger. Eine wollte sogar „Thunder Road“ bei ihrer Trauung hören (was sie dann doch nicht tat; die Ehe hielt aber auch nicht lange). Nur bei meiner Ehefrau ging das komplett schief. Vielleicht habe ich es mit der Indoktrinierung leicht übertrieben. Spring­steen-Fans sind so. Meine Freunde sagen: „Deine Frau hat eben einen guten Musikgeschmack.“ Irgendwann aber stellte sie irritiert fest, dass viele neue Bands, die sie mag, sich neuerdings auf Springsteen berufen. The Killers, Arcade Fire. Eines Tages summte meine Frau dann plötzlich selbstvergessen „Girls In Their Summer Clothes“ vor sich hin, vom 2007er-„Magic“. Ein seichter Song, den ich grauenvoll finde. Als einzigen der Platte. Aber verdammt, sie summte einen Spring­steen-Song. I’ll work for your love.

Also, ihr Gemeindefreunde, Wahnsinnigen, Gefangenen des Rock’n’Roll. Wir sehen uns direkt vor der Bühne. Wir werden tanzen. Wir werden die verstorbenen Danny Federici und Clarence Clemons vermissen, wenn Springsteen singt: „Solange wir hier sind und ihr hier seid, sind sie da.“ So wird es sein. Die nächsten drei Stunden für die Ewigkeit. Und alles andere ist dann egal. Further on (up the road). 

 Bruce Springsteen & The E Street Band Olympiastadion, Mi 30.5., 19.30 Uhr, ausverkauft

Foto: Danny Clinch

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