Konzerte & Party

Buback Labelabend im HAU

1000_robotaSie alle werden als Vorreiter des deutschen Diskurspop bezeichnet. Die Goldenen Zitronen, die vor zwanzig Jahren Texte wie „Alles was ich will ist die Regierung stürzen“ röhrten, Kristof Schreuf, der mit Kolossale Jugend und Brüllen Bands wie Blumfeld oder Tocotronic beeinflusst und schließlich die Münchner Avantgarde Band F.S.K., die unter Michaela Meliбn und Thomas Meinecke schon in den frühen Achtzigern die Elektronik in die deutsche Liedtradition bringt. Obwohl sie heute primär in den Gefilden der Hochkultur unterwegs sind – ob Theater, Universität oder als Schriftsteller – sie alle haben ihre Wut auf das System, den Drang nach Reflexion und den Mut zu Widerspruch ebenso wenig verloren wie den Bock, Musik zu machen.

Veröffentlicht wird entgegen verlockender Majorangebote immer noch auf dem traditionsreichen Hamburger Label Buback, dass 1987 von den beiden Goldie-Mitgliedern Ale Dumbsky und Ted Gaier gegründet wurde. Die Anspielung auf das RAF-Opfer Siegfried Buback ist dabei mehr Witz als politische Anmaßung. Grundsätzlich aber steht das Label für eine klare politische Haltung. Das zeigte bereits die erste Veröffentlichung: Die Punkband Angeschissen hechelt in ihren Texten nicht den Plattitüden des auslaufenden Fun Punks hinterher, sondern betreibt bei aller Radikalität ernsthafte Gesellschaftsanalyse. Damit sind sie nicht nur prägend für das was später Hamburger Schule genannt wird, sondern auch für den Stempel, den das Label heute immer noch trägt: Mut zur Utopie und zur Reflexion über das Individuelle hinaus, der Zweifel an der Welt.

Ale Dumbsky sorgt früh dafür, dass es nicht beim Punk bleibt. Neben dem Jazz als weitere Spielart gibt er in den frühen Neunzigern dem politischen Hip Hop durch die Veröffentlichung der Absoluten Beginner erstmals Raum für Entfaltung. Künstler wie DJ Koze, Die Türen oder JaKönigJa kommen hinzu. Dumbsky ist mittlerweile nicht mehr dabei. Ausgebrannt und ausgelaugt von fast 20 Jahren Independent-Label-Arbeit widmet er sich ganz seinem Musikverlag. Politischer Pop ist schließlich kein Verkaufsschlager. Als die Musikkrise zusätzlich für Unruhe sorgt, die Internetpiraterie die Routinen des Musikbusiness lahmlegt, erweist sich Daniel Richter als Retter in der Not und übernimmt das Label. Nicht nur aus Liebe zur Musik, sondern auch aus Sentimentalität. Denn Richter ist Wegbegleiter erster Stunde. Schließlich war er es, der das erste Plattencover der Punkband Angeschissen malte. Einst Teil der autonomen Szene rund um die Hamburger Hafenstraße, ist er heute Kunstprofessor ­­in Wien und einer der bestbezahltesten deutschen Gegenwartsmaler. Neben seiner ­Finanzspritze hält die hauseigene Booking-Agentur mit Künstlern wie Deichkind, ­Jochen Distelmeyer oder Tocotronic das Label am Laufen.

Thorsten Seif, einer der neuen Geschäftsführer, ist fest überzeugt, dass Labels auch im digitalen Zeitalter unabkömmlich sind: „Entscheidet sich ein Label für eine Band, setzt es damit gleichzeitig auch ein Signal. Unsere über Jahre gepflegten Kontakte zu Medien und Meinungsmachern können durch einen Internet-Account nicht ersetzt werden.“ Er setzt nach wie vor auf die sperrigen Künstler. Mit den drei Jungs von 1000 Robota wurde eine Punk-Formation der neuen Generation entdeckt, die ebenso zornig ihren Missmut in die Welt schreit wie ihre Vorgänger. Denn: Die Verhältnisse sind nicht besser geworden.

Text: Simone Jung

Buback Labelabend mit Die Goldenen Zitronen, F.S.K., 1000 Robota, Kristof Schreuf HAU 2, So 20.2., 20 Uhr, VVK: 22 Ђ, Erm. 15 Ђ

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