Konzerte & Party

Bye bye, Lou Reed

Lou-Reed---Transformer---FronStimmt so natürlich nicht, aber es war das Album „Transformer“, von dem diese Songs stammen, das ihn in die öffentliche Wahrnehmung katapultierte, und in gewisser Weise bringt das ikonografische Coverfoto die Art und Weise, wie Reed sich inszenierte und bis heute wahrgenommen wird, voll auf den Punkt: Er sieht darauf aus wie Boris Karloff als Frankensteins Monster, erschreckend und melancholisch zugleich – und nicht dazu gehörend zum Rest.

Seine Sturm-und-Drang-Poesie der Velvet-Underground-Jahre behandelte – über weite Strecken aus der Ich-Perspektive, aber dennoch mit einem unbeteiligt wirkenden, manchmal fast kaltherzig analytischen Tonfall – das Leben und Treiben urbaner Randfiguren, von deren Existenz der Normalbürger keine oder wenig Ahnung hatte. In einer Zeit, als der gegenkulturelle Mainstream lange Haare und Gewänder mit Blumenmustern zur politisch korrekten Uniform gewählt hatte, trug Reed schwarze Lederjacke, raspelkurze, blond gefärbte Haare, Sonnenbrille und Netz-T-Shirt und sang statt über Landkommunen, LSD und freie Liebe über S&M, Speed, Transvestiten, Stricher, Heroin oder darüber, wie sehr es nervt, auf den Dealer zu warten.

Das Unbehagen an der Zivilisation aus der Perspektive von Großstadtratten. Wenn es ein Motiv in seinem Schaffen gibt, dann ist es die Einsicht, dass jede Hoffnung vergebens ist, sie aufzugeben aber ein Verbrechen wäre. So gesehen ist er die Fortsetzung von Chandler, Burroughs, Kerouac und Selby mit den Mitteln des Rock ’n’ Roll. Und er hatte eine Band, in der eine Frau Schlagzeug spielte wie ein Höhlenmensch, und die Gitarristen immer die gleichen zwei Akkorde herunterschrammelten, bis einem schwindlig wurde, während gleichzeitig ein Klavier ein und dieselbe Oktave als Achtel über die gesamte Länge des Songs plinkern ließen. Oder die ihren Selbstzerfleischungsprozess als Band im Studio dokumentierte und den Song „Sister Ray“ als finalen Showdown aufführte.

In den darauffolgenden Jahren seiner Solokarriere inszenierte er sich als Arschloch Deluxe und später als kauziger Elder Statesman des Rock ’n’ Roll, der sich um Publikumserwartungen publikumswirksam nicht scherte. Und auch wenn seine Alben, sagen wir mal nach „Street Hassle“, nicht mehr wirklich aufregend waren, so konnte man immer sicher sein, wenigstens einen Geniestreich darauf zu finden, der einen im Herzen rührte.  

Ich gehöre nicht zu den oft zitierten ersten 30?000, die die erste Velvet-Underground-Platte gekauft und dann eine Band gegründet haben, aber ich gehöre zu den vielen, die, auch wenn der ein oder andere dies vielleicht bedauern mag, vermutlich nie auf die Idee gekommen wären, Musik zu machen, hätte es Velvet Underground nicht gegeben.

Dafür und für mindestens drei Dutzend lebensverändernde Songs: vielen Dank, Lou Reed.

Kristof Hahn, Gitarrist der Swans und Sänger von Les Hommes Sauvages, schrieb uns ­diesen Nachruf aus Brooklyn, New York

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