Konzerte & Party

Campino über die Entwicklung der Toten Hosen

tip Das neue Album klingt, als schwillt Ihnen mächtig der Hals. Woher so viel Zorn?

Campino Zorn? Ich bin eher glück­lich gewesen über die Energie, die wir wiedergefunden haben. Wenn man drei Jahre lang keine Stücke mehr geschrieben hat, ist es gar nicht so einfach, wieder in den Prozess zurückzufinden. Das muss man wieder lernen. Einerseits ist
es wie Fahrradfahren, das verlernt man auch nicht. Aber man braucht schon ein paar Runden, um sich daran zu gewöhnen, wie das noch mal geht.

tip Welche grobe Richtung haben Sie angepeilt?

Campino Sagen wir, wir waren ein bisschen unglücklich mit unserem letzten Album. Ich hatte den Eindruck, dass wir damit angefangen hatten, uns ein bisschen zu verwalten. Wir hatten eine Art System, das sehr gut ankam. Da hatten wir diese Bandbreite, wir haben Ausflüge gemacht, um zu zeigen, dass man technisch auch weitergekommen ist. Ein Hit war dabei und ein schnelleres Lied, die klassische und die ruhige Nummer. Nichts gegen „Unsterblich“: Die fand ich ge­glückt, und „Auswärtsspiel“ ist in meinem persönlichen Rückblick vielleicht eine unserer wichtigsten und besten Platten. Aber danach kam „Zurück zum Glück“. Und da war dann eigentlich viel zusam­mengenagelter Scheiß.

tip Was ist das Problem an mehr Bandbreite? Man lernt doch mit dem Alter automatisch neue Tricks.

Campino Für mich hatte das etwas Kalkuliertes. Ich wollte, dass wir wieder zurückkommen zu der Haltung, nicht mehr sein zu wollen, als wir sind. Mir ging diese Ausgeglichenheit auf den Sack: von allem etwas, keinem auf den Schlips treten. Fürs neue Album war die Richtlinie klar. Es musste wieder was her, das Energie hat. Wer’s hört, soll merken: Okay, die haben aufs Gaspedal getreten.

tip Sie selbst hingegen kann man gleich in mehreren Disziplinen erleben – Musik, Theater, zuletzt Kino. Im neuen Wim-Wenders-Film spielen Sie einen Starfotografen, der eine Begegnung mit dem Tod hat. Wahrscheinlich müssen Sie zurzeit viele Fragen über den Tod beantworten?

Campino Macht mir gar nichts, denke ich gerne drüber nach.

tip Also nicht erst seit der Zusam­menarbeit mit Wim Wenders?

Campino Absolut, ich meine, wer in einer Band spielt, die sich Die Toten Hosen nennt … Auf unserem Album „Unter falscher Flagge“, ’83 oder ’84 war das, gab es das Lied vom Sensenmann, der jemanden abholen will und sich in der Hausnummer vertut. Der irrtümlich Heimgesuchte fühlt, dass er zu früh abgerufen werden soll. Die beiden fangen an zu trinken, und der Sensenmann vergisst dann auch ir­gendwann seinen Auftrag. Man kann so ein Thema spielerisch angehen oder ernst. Und man setzt sich mit dem Thema auseinander, wenn einen das Schicksal dazu zwingt. Auch, wenn es eine Geburt gibt. Dann denkst du auf ganz andere Weise darüber nach.

tip Nun pilgern also reihenweise Hosen-Fans mit Kind und Kegel erst ins Arthouse-Kino und dann in die O2-World-Arena …

Campino Na und? Wir sind nun mal eine Band, bei der es möglich ist, dass Eltern mit ihren Kindern hingehen – und von mir aus noch der Opa. Wir sind halt nicht mehr das, was wir früher waren – wo wir teils Irritationen ausgelöst haben, beim Establishment, bei den Bürgerli­chen. Als etwa mal der Bundesgrenzschutz unseren Proberaum gestürmt hat und die Texte gelesen hat. Damals war unser Proberaum unweit der Kieferstraße, dort, wo auch versprengte Teile der RAF festgenommen wurden. Das hatte eine andere politische Brisanz damals. Wenn wir heute irgendwo anfahren, kommt auch mal ein Polizist und will ein Autogramm. Das ist nun mal so. Worauf ich aber hi­naus will: Wenn also der Vater zu seinem Sohn sagt: „Wir zwei gehen heute auf ein Rockkonzert, wir gucken uns die Toten Hosen an“, dann erfüllt es mich mit einer gewissen Zufriedenheit und Selbst­sicherheit, dass die keinem Etikettenschwindel aufsitzen. Die werden ihr Rockkonzert kriegen. Der betrügt seinen Sohn nicht.

tip Wer sind denn die Betrüger?

Campino Sagen wir, bei allem Res­pekt vor der Karriere der Stones: Wenn man da hingeht, weiß man manchmal nicht mehr, ob man auf einem Rockkonzert ist. Rocken tut da nicht mehr so viel. Auch im Publikum: Da sitzen sie dann alle, der Audi-Vertreter aus Bad Dürkheim und seine Geschäftskollegen neben Leuten, denen die Stones sicher ein Leben lang was bedeutet haben. Aber die Mischung ist komisch. Das wird dann von Firmen gesponsert, als „Rundum-Wohlfühl-Paket“ …, seltsam. Vielleicht werden wir in 20 Jahren ja auch so enden; vermutlich wäre das nicht mal das Schlechtes­te. Aber es wäre nicht mehr das, was ich unter einem Rockkonzert verstehe.

Interview: Ulrike Rechel

Die Toten Hosen O2 World, Mi 17.12., 20 Uhr, ausverkauft

 

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