Konzerte & Party

Carla Bozulich im West Germany

Carla Bozulich

Als Carla Bozulich unlängst ihr neues Album „Boy“ veröffentlichte, bezeichnete es die Songschreiberin als „Pop-Platte“. Ganz ernst wird es die Avant-Noise-Veteranin wohl nicht gemeint haben. Wo die Kalifornierin ohne feste Postadresse doch für eine ganze Menge Stile und Genre-Experimente bekannt ist – darunter mit ihrer Do-it-yourself-Rocktruppe The Geraldine Fibbers oder dem Drone/Folk-Duo Evangelista; nur Pop spielte im Klangkosmos der Underground-Ikone und Willie-Nelson-Verehrerin bisher keine erkennbare Rolle. Hört man in ihr drittes Soloalbum hinein, ahnt man aber, was die 48-Jährige meint. Ihre Stücke fußen erstmals seit Langem auf ähnlichen stabilen Elementen, aus denen andere Menschen vielleicht Popsongs machen würden. Es gibt Strophen, dynamische Bögen, die in vier Minuten passen, und chorusähnliche Mittelteile. Das Album lebt von starken melodischen Momenten, in denen man sich von Bozulichs verlockend angeschmauchter Stimme einwickeln lassen darf. Teils singt sie im Duett mit sich selbst, teils streift ein gedämpftes Echo wie ein langer Schatten im Halbdunkel umher; das rohe Schlagzeug tritt oft machtvoll in den Vordergrund, die E-Gitarre dagegen taucht ab als Teil eines lockeren Gewebes aus Bass, Loops, Synthesizer und Viola-Strichen. Bleibt man mal bei Pop-Kategorien, geht ein Stück wie „One Hard Man“ mit seinem herausfordernden Spoken-word-Stil und der schieren Energie als Single durch. Doch in „Dance Land“ klingt die Noise-Diva mit ihrem einnehmenden, soulgetränkten Gesang dann doch eher wie die letzte Überlebende auf einem Scherbenfeld.

Text: Ulrike Rechel

Foto: Jennifer Kitner

Carla Bozulich, ?West Germany, Fr 9.5., 21 Uhr, AK: vor Ort erfragen

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