Konzerte & Party

Charles Aznavour in der O2 World

Charles Aznavour

Wie viele Weltstars mag es wohl noch geben? Also nicht internationale Popstars wie Lady Gaga oder Justin Timberlake, sondern Sänger und Sängerinnen, Entertainer, die seit Jahrzehnten in den bedeutendsten Konzerthäusern dieser Welt auftreten? Vielleicht sterben die Weltstars alter Schule ja auch aus. Viele Legenden des französischen Chansons etwa weilen schon nicht mehr unter uns: Jacques Brel, Edith Piaf, George Moustaki, Gilbert Bйcaud, Serge Gainsbourg – aus der alten Garde sind nur noch Juliette Greco und Charles Aznavour unterwegs.  
Aznavour steht immerhin seit 70 Jahren auf der Bühne, hat in dieser Zeit mehr als 100 Millionen Tonträger verkauft, 1?200 Songs geschrieben und in 80 Filmen mitgespielt. Er war der glücklose Charlie Kohler in Truffauts „Schießen sie auf den Pianisten“, war der Kaufmann Sigismund Markus, bei dem Oskar Matzerath seine Blechtrommel kaufte, und der kommunistische Jesuit Naphta in Geißendörfers Mann-Verfilmung „Der Zauberberg“.  
Der 1924 in Paris als Sohn armenischer Einwanderer geborene Aznavour wollte zuerst Schauspieler, dann Sänger werden, wurde aber von der Kritik als zu klein und zu hässlich verschmäht. Er schrieb Welthits wie „La Bohиme“, „Je m’voyais dйjа“, „Hier encore“ oder „La Mamma“, er begeisterte sein Publikum mit Liedern in sieben Sprachen. Das französische Chanson, so heißt es in einem Bonmot, würde entweder von der Liebe, von Paris, oder von der Liebe zu Paris handeln. Davon handeln natürlich auch Aznavours Chansons, aber gleichzeitig auch noch von viel mehr. In Deutschland ist sein Anti-Beziehungslied „Tu t’laisser aller“ – auf Deutsch: „Du lässt dich geh’n“ – von 1961 zur Hymne geworden. Ein böser Text über eine trostlose Beziehung, die am Ende ist, weil – aus Sicht des Mannes – die Frau sich nicht richtig pflegt und zugenommen hat. Bösartig analysiert er ihr Äußeres: die „schlampige Figur“, die ihm „gegen die Natur“ geht, er stört sich an ihren „unbedeckten Knien“ und daran, dass „die Strümpfe Wasser ziehen“, das alles noch mit der leicht angekratzten Stimme und dem unnachahmlichen französischen Akzent gesungen. Kein Wunder, dass zur besten Schlagerzeit in den Sechzigern solch ein Lied aus dem Rahmen fiel. In Deutschland kannte man so viel Realismus in Songtexten nicht, sondern nur eine verkitscht-verarmte Schlagerkunstsprache, die etwa drei Gefühle und zweieinhalb Worte dafür kannte.
1970 kam es zu einem Skandal, als Aznavour in der beliebten deutschen Fernsehshow „Drei mal Neun“ sein Chanson „Comme ils disent“ – auf Deutsch „Ich bin ein Homo, wie sie sagen“ – singen wollte. Er stieß auf heftigen Widerstand, denn das Lied behandelt in der Innenperspektive das Gefühlsleben eines schwulen Mannes, der ein Doppelleben führt, sich abends in den Fummel wirft und als Travestiekünstler auftritt. Vier Jahrzehnte vor Conchita Wurst war so etwas in einer deutschen Fernsehshow nicht möglich.  
Abschiedstourneen hat Aznavour schon einige hinter sich und kommt doch immer wieder auf die Bühne zurück. Seinen 90. Geburtstag am 22. Mai feiert er aber nicht, wie es ihm gebühren würde, im Pariser „Olympia“, sondern bei uns, in der, gelinde ausgedrückt, recht seelenlosen O2-Halle. Er sei glücklich, an diesem Tag auf der Bühne zu stehen, erzählte er in einem Interview, in welcher Stadt sei ihm egal. Für die Berliner aber ist es ein Geschenk, den großen alten Mann des französischen Chansons an diesem besonderen Tag erleben zu dürfen.

Text: Christiane Rösinger

Charles Aznavour, ?O2 World, Do 22.5., 20 Uhr, VVK: 72–150 Euro zzgl. Gebühr

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