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Charlotte Gainsbourg in der Volksbühne

Charlotte GainsbourgVöllig unbekümmert streift Charlotte Gainsbourg mit ihrem Songschreiber und Produzenten Beck auf ihrem aktuellen Album „IRM“ durch verschiedene Genres und Stimmungen und verarbeitet dabei das eigene Schicksal.

tip Der Amerikaner Beck hat fast alle Songs ihres nunmehr dritten Albums geschrieben. Wie schwer war es für Sie, sich in seinen Texten wiederzufinden, Mademoiselle Gainsbourg?
Charlotte Gainsbourg Ich konnte mich auf Anhieb mit seinen Worten identifizieren. Weil zwischen uns die Chemie stimmte, ließ ich Beck recht tief in meine Gefühlswelt eindringen. Bisweilen dachte ich sogar, er könne meine Gedanken lesen. Als er für den Song „Master’s Hand“ die Zeile „Drill my Brain / All full of Holes“ entwickelte, war ich wirklich fassungslos.

tip Weshalb?
Gainsbourg 2007 verunglückte ich beim Wasserskifahren. Dabei verletzte ich mich am Kopf. Zunächst dachten die Ärzte, mir sei nichts weiter passiert. Aber ich hatte ständig Kopfschmerzen. Bei einer Tomografie stellte sich dann heraus, dass ich an einer Gehirnblutung litt. Nur wusste Beck das noch gar nicht, als er an „Master’s Hand“ feilte.

tip Hat er den Titelsong „IRM“ ebenfalls rein intuitiv geschrieben?
Gainsbourg Nein. Ich habe ihm ganz genau geschildert, was ich während der Kernspintomografien (die französisch IRM abgekürzt wird) empfunden habe. Wenn ich in dieses Gerät geschoben wurde, hörte ich permanent hämmernde, sehr aggressive Geräusche. Sie wirkten bedrohlich auf mich, diese Atmosphäre wollte Beck musikalisch einfangen.

tip Seine Worte spiegeln Ihre Angst wider.
Gainsbourg Genau. Ich fühlte mich so ausgeliefert. Da waren die Ärzte, die quasi in meinen Körper eindrangen. Bis in meinen Kopf, in mein Gehirn. Das war schon eine eigenartige Erfahrung.

Charlotte Gainsbourgtip … die Sie auf Englisch beschreiben.
Gainsbourg Mit dieser Sprache kann ich mich ein Stück weit von meinem Vater lösen. Ich singe zwar auch drei Lieder auf Französisch, richtig wohl ist mir dabei aber nicht. Meine Muttersprache ist einfach zu nah an mir und meiner Familiengeschichte dran.

tip Wäre es Ihnen oft lieber gewesen, keine berühmten Eltern zu haben?
Gainsbourg Heute bin ich sehr, sehr stolz darauf, die Tochter von Serge Gainsbourg und Jane Birkin zu sein. Doch als junge Schauspielerin litt ich darunter, in ihrem Schatten zu stehen. Jeder Journalist stellte mir Fragen nach meinen Eltern, das hat mich regelrecht blockiert, weil ich nicht öffentlich über sie reden wollte. Zum Glück bin ich jetzt wesentlich entspannter.

tip Woran liegt das?
Gainsbourg Ich habe Schritt für Schritt meine eigene künstlerische Identität gefunden. In der Filmwelt tat ich mich übrigens leichter damit als in der Musikszene. Nach dem Tod meines Vaters wollte ich eigentlich nie wieder singen. Erst allmählich entwickelte ich das nötige Selbstvertrauen für eine weitere Platte. Nur brauchte ich die Unterstützung anderer Musiker, alleine wäre ich nicht zurecht­gekommen.

tip Für „5.55“ hatten Sie Air und Jarvis Cocker engagiert, nun Beck. Wollten Sie sich von ihnen inszenieren lassen wie von einem Regisseur?
Gainsbourg Nicht direkt. In einem Film schlüpfe ich ja in eine Rolle, während meine Songs durchaus meine Persönlichkeit reflektieren sollen. Es geht da allein um mich, um meine Seelenzustände – ich kann also nicht vorgeben, jemand anders zu sein.

tip Ihr Album „IRM“ haben Sie nach dem „Antichrist“-Dreh mit Lars von Trier aufgenommen. Waren Sie gleich wieder mit sich im Einklang?
Gainsbourg Nein. Ich spürte eine tiefe Melancholie in mir und war in mich gekehrt. Wenn ich nicht mit Beck an meinen Stücken arbeitete, saß ich alleine im Hotel. Fast hatte ich Angst, mein Zimmer zu verlassen. Bis dann meine Kinder nach Los Angeles kamen: Sie haben mich ins Studio begleitet, manchmal experimentierten sie ein wenig mit den Instrumenten. Wir nahmen spontan einige Passagen auf, weil wir stets offen für Neues waren.

Interview: Dagmar Leischow

Foto oben: Jean-Baptiste Mondino

Foto unten: Paul Jasmin

Charlotte Gainsbourg, Volksbühne, Mo 28.6., 20 Uhr, ausverkauft

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