Konzerte & Party

Chinawoman im Heimathafen Neukölln

Chinawoman

Vielleicht liegt es am schmalen Schnitt ihrer dunklen Augen, dass sie schon oft für eine Asiatin gehalten wurde. Ein Irrtum, der Songschreiberin Michelle auf ihren Künstlernamen brachte: Chinawoman. Mit der China-Assoziation bringt die Newcomerin aus Kanada noch ein bisschen zusätzliche Verwirrung in ihre persönliche Weltkarte. Die weist zuerst nach Sankt Petersburg, Heimat der Eltern, als die Stadt noch Leningrad hieß. Aufgewachsen ist die Autodidaktin später in Torontos russischem Viertel. Von hier führte die Reise vor ein paar Monaten nach Berlin. Dem Land ihrer Vorfahren ist Michelle alias Chinawoman damit näher – und damit einer wichtigen Inspiration für ihr jüngstes Album. „Show Me The Face“ ist eine poetische Annäherung an die eigenen Wurzeln; an die Musik, die sie auf den Schallplatten der Eltern aus Sowjetzeiten hörte: schwerblütige Balladen mit ernstem Pathos. Von den Melodien und Akkordfolgen der alten Lieder habe sie sich für die eigenen Songs leiten lassen, sagt sie, insbesondere vom „Sinn fürs Grandiose“ des russischen Balladenstils. „Mir liegt der sentimentale, teils tragikomische Ausdruck dieser Musik, auch das Düstere und Feierliche darin.“ Leisen Weltschmerz verströmen auch ihre eigenen intensiven Songs, die um Keyboards, hallende Gitarrenklänge und Chöre gebaut sind: eine wirkungsvolle, reduzierte Bühne für Chinawomans tiefe Stimme, die von fern an Nico erinnert. In den Texten singt die Wahlberlinerin von flammenden und wieder erkaltenden Liebschaften, von Nachtgestalten der Boheme, queeren Fantasien. In die diffus-nostalgische Stimmung mischen sich Assoziationen an jetzige Großstädte, einsame Afterhour-Gestalten etwa am Morgen auf einer Party in Moskau oder Berlin. In der Wahlheimat hat sie übrigens schon Freundschaft mit Exilkanadier Joel Gibb geschlossen. Der zupfte bei Chinawoman schon die Gitarre; sie eröffnet dafür nun das Konzert von Joels Band The Hidden Cameras.

Text: Ulrike Rechel

Foto: Jaime Hogge

Chinamwoman + The Hidden Cameras, Heimathafen Neukölln, Sa 3.9., 20 Uhr, VVK 12 Euro

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