Konzerte & Party

Chrissie Hynde von den Prentenders

tip Über das neue Album „Break Up The Concrete“ gibt es ein einhelliges Urteil: Es klingt so frisch wie früher. Sie waren aber als einziges Urmitglied beteiligt.

Chrissie Hynde Ich habe schließlich die Band Ende der 70er gegründet, die Leute zusammengestellt und den Sound bestimmt. Aber tatsächlich ist das neue Album den ers­ten beiden ähnlicher als alles, was danach kam. Und es war Steve Bing, unser Koproduzent, der mir als erster in meiner Karriere sagte: Wozu brauchst du einen Produzenten, du weißt doch selber am besten, wie die Pretenders klingen. Er stellte auch den Kontakt zum heiß begehrten Drummer Jim Keltner her, der u.a. zusam­men mit Eric Heywood an der Pedalsteel für das Countryflair sorgt. Ur-Pretender Martin Chambers wird live wieder an den Drums sitzen, er hatte sich mal eine Pause verdient, ist schließlich nicht mehr der Jüngste …

tip Als Aushängeschild und Frontfrau mit Mitte 50 haben Sie auch keinen leichten Job. Wie geht es denn Ihnen?

Hynde Eigentlich wie immer. Aber das liegt an meinem Lifestyle. Ich bin ja schon ewig Vegetarierin, und das hat mir durch all die Rock’n’Roll-Exzesse geholfen. Wie oft denke ich, wenn ich andere in meinem Alter treffe, mein Gott, was ist denn aus denen geworden. So viele haben systematisch und fast schon unmenschlich ihren Körper zugrun­de gerichtet. Alles hängt wirklich am Lifestyle. Wenn du dich gut ernährst und einen halbwegs gesunden Lebenswandel führst, dann geht das schon. Ich habe gerade diesen schwedischen Vampirfilm gesehen, „Let The Right One In“, darin sagt das Mädchen: „Ich bin schon seit sehr langer Zeit zwölf Jahre alt.“ So fühle ich mich auch.

tip Aber in das männliche Beuteschema passt man nicht mehr so wie früher. Würden Sie der These zustimmen, dass das Leben von Frauen in zwei Hälften geteilt ist, eine mit und eine ohne Männer?

Hynde Mein Leben ist schon immer in diese zwei Hälften geteilt. Man hat natürlich kinderumsorgende Jahre, wenn du voller Saft bist und gebären kannst, aber auch alle anderen menschlichen Eigenschaften und Qualitäten verändern sich, und es hängt von dir ab, ob du Männer in deinem Leben haben willst oder nicht. Ich war selber nie eine besonders flirtende Person, ich habe Männer nicht auf mich aufmerksam machen wollen, im Gegenteil: Ich habe versucht, sie mir vom Hals zu halten. Mein Tipp: Lies ein Buch, wenn dir was fehlt. Natürlich spreche ich in allem aus der Sicht einer Frau, aber grundsätzlich denke ich, dass Musik die Geschlechterfrage, die Rassenfrage und die Frage der Religion transzendiert, Musik soll dich zum Tanzen bringen. Genieße einfach dein Leben.

tip Als Gitarristin, als Bandleaderin, als Rolemodel werden Sie von Frauen ganz unterschiedlicher Generationen bewundert: Kim Gordon, Santi White, Allison Mosshart, Lucinda Williams.

Hynde Das liegt nur daran, dass ich früher da war. Nichts hätte diese Mä­dels aufgehalten …! Wenn ich tat­sächlich ein Rolemodel bin, dann nur darin, dass ich immer versucht habe, ich selber zu bleiben. Und das ist auch der einzige Rat, den ich geben würde: sei du selbst. Egal, ob du weiß oder schwarz oder ein Keyboardplayer bist – solange du du selber bleibst.

tip Es gibt von Ihnen reflektive, entwickelnde Stücke, das tolle „The Nothing Maker“ zum Beispiel …

Hynde Über einen, der quasi außerhalb der Gesellschaft lebt. Der talentiert ist, viele Dinge gut kann, aber keinen Bock hat, das Spiel mitzuspielen. Jeder ist so damit beschäftigt, wer zu sein, Erfolg zu haben, sich selbst zu beweisen. Aber dieser hier lebt nach seinen eigenen Prinzipien, das finde ich interessan­ter als all jene, die sich nur ge­gen­seitig kopieren.

tip … aber an erster Stelle steht doch immer der perfekte Popsong.

Hynde Absolut richtig. Und das liegt an meiner Liebe zum Radio. Damit bin ich aufgewachsen, und dort sollen meine Platten laufen. Mir ist klar, dass sich heute vieles ändert, weil die Leute sich ihre Musik aus dem Netz holen. Aber Radio ist immer noch das internationale Maß der Dinge. Egal ob in Sгo Pau­lo, Berlin oder Akron, Ohio. Wenn ich denn Ehrgeiz habe, dann den, Songs fürs Radio zu schreiben.

tip Ihre neuen Bandmitglieder aus dem Americana-Bereich sind aber nicht unbedingt Mainstream.

Hynde Musiker kümmern sich wenig darum, ob sie Mainstream oder Alternative sind. Es geht darum, wahrhaftig zu dir selber zu sein. Wenn dabei Mainstream herauskommt, fantastisch. Und wenn nicht, auch fantastisch. Es muss für den Künstler stimmen. Ich persönlich möchte lieber im Schatten, im Dunkeln bleiben … es ist schön, wenn jeder dein Album liebt, aber ich ziehe es vor, außerhalb des Gesetzes zu sein.
Interview: Christine Heise

The Pretenders
Kesselhaus/Kulturbrauerei
Mo 22.6., 21 Uhr, VVK: 41,50 Ђ

Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

Mehr über Cookies erfahren