Klassik

Christian Tetzlaff spielt das Violinkonzert von Alban Berg

„Es geht mir um das Verbotene“ – Interview mit dem Weltklasse-Geiger Christian Tetzlaff, der das unwiderstehliche Violinkonzert von Alban Berg im Konzerthaus Berlin spielt

Foto: Giorgia Bertazzi
Foto: Giorgia Bertazzi

tip Herr Tetzlaff, Alban Bergs Violinkonzert ist „Dem Andenken eines Engels“ gewidmet – der verstorbenen Manon Gropius. Kann man das musikalisch umsetzen?
Christian Tetzlaff Man kann es. Aber in diesem Spezialfall sollte man bedenken, dass die Widmung nur einen kleinen Teil der Wahrheit bildet. Das Violinkonzert stammt aus Bergs letztem Jahr, in dem er noch immer in Hanna Fuchs, die Schwester von Franz Werfel, verliebt war. Die Affäre hat Bergs letztes Lebensjahrzehnt geprägt, blieb aber unerfüllt. Im Werk kommt die Tonfolge H–F aus diesem Grunde häufig vor. Die Gesamttaktzahl des 2. Satzes beträgt 230, denn Berg betrachtete die Zahl 23  als seine Schicksalszahl. Die von Hanna war 10. In Takt 23 gibt es einen hörbaren Bezug auf seinen ersten Asthmaanfall. Er hat das Konzert eher seinem eigenen Leben gewidmet. Als Requiem.

tip Ist das Violinkonzert deswegen das einzige Werk der Zwölftonmusik, das als unwiderstehlich gilt?
Christian Tetzlaff Dies hängt, glaube ich, eher mit der sehr schlichten, naiven Tonsprache zusammen. Ich sage immer: „Lass uns dem einfach folgen – und vertrauen.“ Berg hat alles so genau ausgeschrieben und notiert, dass man, wenn man zu interpretieren anfängt, schon geradezu in die Irre läuft. Es entstand auch sehr schnell. Nachdem Berg jahrelang über der Oper „Lulu“ gebrütet hatte, ist ihm dieses Werk in kürzester Zeit aus dem Kopf gesprungen. Fast als wär’s von Mozart.

tip Sie selber werden, nachdem Sie jahrelang sehr geordnet wirkten, im Erscheinungsbild immer wilder. Und die Haare immer länger. Woher kommt’s?
Christian Tetzlaff Die Haare sind lang wie bei einem Indianer. Meine Freundin mag’s lieber so. Mein Leben hat sich eher sprunghaft entwickelt. Ich habe erst spät eine gewisse Freiheit entwickelt, die ich früher nicht hatte. Jahrzehntelang dachte ich, sobald man gegen Vorsätze musikalisch verstößt, handelt man sich die Gefahr der Unfreiheit ein.

tip Und jetzt?
Christian Tetzlaff Jetzt geht es mir umgekehrt ständig um das Verbotene, Unerlaubte und Gewagte. Die Komponisten haben nur wenig aufschreiben können. Künstlerische Freiheit setzt da ein, wo man zwischen den Noten liest – und dies dann, vielleicht unerwartet, ans Publikum versendet. Gleich bin ich mir aber darin geblieben, dass ich finde, man sollte Geiger, wenn man sie hört, nicht gleich erkennen. Man soll nicht sich selber spielen. Ich hoffe, ich bleibe unerkannt. Und möchte trotzdem den Zuhörer tief in seinem Inneren treffen.

tip Warum treffen?
Christian Tetzlaff Musik ist die privateste Ansprache, die ich mir vorstellen kann. Dass die dunklen Fässer aufgemacht werden, sorgt in meinen Augen für die kathartische Wirkung, um die es geht. Das entspricht der Tatsache, dass die Komponisten oft isoliert oder verzweifelt waren und im Leben auf keinen grünen Zweig gekommen sind. Je mehr das Negative in der Kunst verloren geht, desto mehr sehe ich mich in der Pflicht. Mir geht’s nicht um Unterhaltung. Sondern schon fast eher … um das Seelsorgerische.

tip Merkt man daran, dass Sie aus einem protestantischen Pastorenhaus stammen?
Christian Tetzlaff Hm. Ich selber bin eigentlich völlig ungläubig. Ich meine, die bessere Religion ist die Musik.

Konzerthaus Berlin Fr 16.12., Sa 17.12., 20 Uhr, VVK 16–56 €

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