Konzerte & Party

Chrysta Bell im Grünen Salon

Chrysta Bell

Als Chrysta Bell zum ersten Mal das Haus von Starregisseur und Allroundkünstler David Lynch betrat, fühlte sie sich wie im Film. Die Kulisse stammte aus „Lost Highway“ und der Main Man war sein eigener Hauptdarsteller: der berühmte „Eraserhead“-Wuschelschopf, Kippe im Mundwinkel und von oben bis unten mit Farbe bekleckert. Als sie dann zu den ersten Texten improvisieren sollte, bildete sie sich ganz fest ein, die Zeilen stammen aus dem heimlichen Tagebuch von Isabella Rossellini, und so ließ sie sich von der Vorstellung dieser großen, mysteriösen Liebe zwischen Regisseur und Filmdiva davontragen. Nichts wusste sie von Julee Cruise, die zuvor mit ihrer schwebenden Stimme und den todessehnsüchtigen Songs der pionierhaften TV-Serie „Twin Peaks“ die Albträume der 80er bewohnte. Nichts vom „Candy-Colored Clown“ aus Blue Velvet, den verstörenden Sounds von Angelo Badalamenti oder der gar nicht so heimlichen Liebe des Regisseurs zur Rammstein-Ästhetik. „Ich war 19 oder 20, unschuldig und naiv, und das hat ihm gefallen“, sagt die texanische Schönheit lachend, denn all das blieb sie nicht lange. Wenige Jahre später sollte aus dieser ersten Begegnung eine Kooperation in Gestalt des Albums „This Train“ werden. Zwölf verführerische Songs zwischen beunruhigender Tagträumerei und abgehobenen Soundschwaden, aber auch mit tief eindringenden Beats wie ein universeller Herzschlag. So makellos die Künstlerin auch wirkt, so schillernd ist ihre Vita. Aufgewachsen im texanischen San Antonio mit Tijuana- und Mariachi-Musik, ist sie später in das weltoffenere Austin gewechselt mit seiner Blues- und Indierockszene, um sich der Gypsi-Swing-Band 8 1/2 Souvenirs anzuschließen, gleich der erste Auftritt war in San Francisco. Der leibliche Vater hinterließ ihr eine Longhorn-Rinderfarm sowie ein Begräbnisunternehmen, seine Asche verstreuten sie aus dem eigenen Heißluftballon. Das Singen lernte sie als Tochter einer professionellen Sängerin im Tonstudio des Stiefvaters, das erste Geld verdiente sie mit Radio-Jingles. Lynch drehte mit ihr einige Werbesequenzen für den Autokonzern Ford, was Bell einige Jahre das Auskommen sicherte und ihr erlaubte, in der neuen Heimat L. A. professionell an sich zu arbeiten. Die in Kooperation mit David Lynch entstandenen Songs stehen immer noch im Zentrum ihres Repertoires, aber nachdem dieser 2002 von einem Auftritt im Pariser Olympia im Vorprogramm von Beth Gibbons nachhaltig traumatisiert wurde und daraufhin beschloss, nie wieder live zu performen, agiert Chrysta Bell mit eigener Band. Auch die ist bizarr und weltfremdelnd, aber eifrig bei der Sache. Ein Tagtraumprojekt, das sich nur in der völligen Hingabe mit weit geöffneten Augen entschlüsselt.

Text: Christine Heise

Foto: Elias Tahan

Chrysta Bell, ?Grüner Salon, Mi 19.3., 21 Uhr, ?VVK: 20 Euro zzgl. Gebühr

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