Konzerte & Party

Chvrches im Postbahnhof

Chvrches

Als Lauren Mayberry vor vier Monaten in der Show von Jimmy Fallon die letzte Silbe ihres Hits „The Mother We Share“ über die Lippen gegangen war, wirkte sie geradezu erleichtert, eine beklemmende Anspannung schien von ihr abzufallen. Kein Wunder – das ging schnell: Nur ein Jahr vor ihrem Auftritt in der ersten Liga der US-Talkshows sammelten Chvrches fleißig Einträge auf den Blogs in der digitalen Ungewissheit. Die kleine Sängerin mit der großen Ausstrahlung war zuvor nur mit kleinen lokalen Bands in Erscheinung getreten, ganz im Gegensatz zu ihren Kollegen: Iain Cook (Synthesizer, Bass, Gitarre) gründete 1997 die Postrock-Band Aerogramme, Martin Doherty (Synthesizer, Sampler) war bis 2011 noch als Tourmusiker mit den Shoegazern von The Twilight Sad unterwegs.
Die vielen Klicks im Vorfeld ihres Debüts haben sich ausgezahlt: Als Chvrches im September „The Bones Of What You Believe“ auf einem Major-Label veröffentlichten, war das „Next Big Thing“ der Musikbranche schon genauso akkurat vorprogrammiert wie die Sampler und Drum-Machines ihres Repertoires. Diese Perfektion schlug sich nicht nur weltweit in soliden Chartplatzierungen um die Top 20 nieder, sondern wurde auch von echten Ikonen erhört: Chvrches durften im Sommer nur zwei Jahre nach ihrer Gründung als Support von Depeche Mode auftreten, die vor Laurens Geburt schon sechs Alben veröffentlicht hatten. Nicht ohne Grund kommt kaum eine Zeile zu Chvrches ohne Mayberry aus, deren Charisma wirklich beeindruckend ist: Schon nach ein paar Songs drängeln sich junge Männer, die eben noch hinten an der Bar abhingen, heimlich zu ihren Freundinnen in die erste Reihe. Zukünftig könnte die Sängerin eine Hauptrolle in der britischen Popkultur übernehmen, auch jenseits der Musik. So prangerte sie vor Kurzem öffentlichkeitswirksam den Sexismus an, mit dem sie als mittlerweile prominente Künstlerin via Mail und auf sozialen Netzwerken explizit konfrontiert wird. Abgesehen davon, Hype und Engagement hin oder her, überzeugt das Debüt nicht vollends: Chvrches überlassen ihren Synthesizern unglaublich viel Raum, unterstreichen sie mit so viel Echo, dass die Stimme von Mayberry sich bisweilen kaum dagegen behaupten kann – und als Konsequenz bei Stücken wie „Under The Tide“ und „We Sink“ mit stampfenden Beats plötzlich in Richtung Kirmes wegdriftet.
Umso spannender ist es, wie die drei ihren Sound auf der Bühne umsetzen; bisher haben sie auf eine personelle Live-Verstärkung verzichtet. In ihrer künstlerischen Auseinandersetzung zwischen Mensch und Maschine beziehungsweise Song gegen Track hilft es auch nicht, wenn sich der Radiosender BBC pathetisch begeistert und die Band fast schon in New-Order-Sphären beruft: „Elektro-Pop, der erst glänzt, wenn die Tränen von den Lautsprechern gewischt wurden“, wird nun allseits zitiert. Was diese Metapher eigentlich bedeuten soll, bleibt genauso im Ungewissen wie die Vision von Chvrches: Ein futuristischer Entwurf für die Disco 3000? Oder doch wieder nur der lahme Aufguss eines Achtziger-Revivals? Dem pauschalen Retro-Vorwurf ihrer Kritiker können Chvrches immerhin entgegensetzen, dass sie das gesprochene „u“ in ihrem Bandnamen schriftlich zu einem „v“ ersetzt haben – weil sie so besser bei Google punkten. Wir sind eben doch nicht mehr in den Achtzigern.

Text: Jan Schimmang

Foto: Eliot Lee Hazel

Chvrches, ?Postbahnhof, Sa 26.10., 20 Uhr, ausverkauft

Mehr über Cookies erfahren